Foto: Colossal Biosciences / Business Wire. Romulus und Remus im Alter von drei Monaten.
Im April 2025 gingen die Bilder von Romulus, Remus und Khaleesi um die Welt.
Weiße, auffallend große Wolfswelpen. Genetisch verändert, um Merkmale des ausgestorbenen Dire Wolf –
Aenocyon dirus – wieder entstehen zu lassen.
Colossal Biosciences sprach von De-Extinction.
Und natürlich war auch ich neugierig.
Nicht nur auf die Genetik. Sondern auf diese Tiere.
Wie sehen sie aus, wenn sie erwachsen sind?
Romulus und Remus wurden am 1. Oktober 2024 geboren.
Im April 2025 waren sie gerade einmal sechs Monate alt und wogen bereits rund 36 Kilogramm.
An ihrem ersten Geburtstag im Oktober 2025 lagen beide bei mehr als 54 Kilogramm.
Romulus sollte nach damaliger Prognose ungefähr 64 Kilogramm erreichen.
Colossal selbst erklärte, dass die körperliche Entwicklung noch etwa zwei weitere Jahre dauern könne.
Heute, im August 2026, sind die beiden fast zwei Jahre alt.
Und genau jetzt würde es interessant.
Wie groß sind sie inzwischen?
Wie schwer?
Wie verändert sich ihr Körperbau?
Wie entwickelt sich ihr Sozialverhalten?
Wie ihr Jagdverhalten?
Was passiert mit diesen Tieren auf dem Weg vom beeindruckenden Jungtier zum
erwachsenen großen Prädator?
Darüber erfährt man erstaunlich wenig.
Viel Dire Wolf. Wenig erwachsener Dire Wolf.
Das bislang letzte konkrete „Pupdate“ auf der eigens eingerichteten Dire-Wolf-Seite stammt
vom 24. März 2026. Dort wird gezeigt, wie die Tiere einen ganzen Hirsch als Futter erhalten.
Bereits im November 2025 bekamen sie erstmals ganze Beutetiere.
Colossal veröffentlicht währenddessen weiterhin sehr viel.
Über De-Extinction. Über neue Projekte. Über Mammuts, Dodos, Moas und weitere Arten.
Auf Colossals eigener Dire-Wolf-Seite tauchen inzwischen zwar neue News vom 24. August 2026 auf,
aber kein neues echtes „Pupdate“ zu Gewicht, Größe oder aktueller Entwicklung der drei.
Denn ein Wolf ist mit sechs oder zwölf Monaten nicht einfach ein kleiner fertiger Wolf.
Junge Grauwölfe können bereits mit sieben oder acht Monaten mit ihrem Rudel ziehen und an Jagden
teilnehmen. Untersuchungen aus Yellowstone zeigen aber, dass Wölfe im Alter von etwa zwei bis drei Jahren
ihre höchste jagdliche Leistungsfähigkeit erreichen können.
Romulus und Remus kommen genau in dieses Alter.
Und wir reden hier über Tiere, bei denen niemand aus praktischer Erfahrung sagen kann:
So wird ein erwachsener Dire Wolf leben.
2.000 Acres klingen nach sehr viel.
Die drei Tiere leben auf einem rund 2.000 Acres großen, gesicherten Gelände.
Das sind ungefähr acht Quadratkilometer.
Für unsere menschliche Vorstellung klingt das gewaltig.
Für einen Wolf relativiert sich die Zahl sehr schnell.
Territorien frei lebender Wolfsrudel können je nach Beutedichte, Landschaft und Rudelgröße Dutzende bis weit über tausend Quadratkilometer umfassen. In Yellowstone lagen durchschnittliche Territorien beispielsweise bei rund 274 beziehungsweise 620 Quadratkilometern.
Natürlich müssen Romulus, Remus und Khaleesi nicht jagen, um zu überleben.
Sie werden versorgt.
Sie werden überwacht.
Sie bekommen Futter.
Damit ist das Gelände aber kein natürlicher Lebensraum.
Es ist ein sehr großes Gehege.
Und damit lande ich bei einer Frage, die mich inzwischen wesentlich mehr beschäftigt als die technische Meisterleistung.
Wohin mit einem Dire Wolf?
Schon beim heute lebenden Grauwolf schaffen wir Menschen es kaum,
uns darüber zu einigen, wie viel Raum wir ihm zugestehen wollen.
Wölfe kommen zurück – und sofort geht es um Nutztiere, Jagd, Sicherheit,
Management, Abschüsse und Akzeptanz.
Und nun erschaffen wir einen wesentlich größeren Prädator nach dem Vorbild einer Art,
deren ursprüngliche ökologische Welt seit mehr als 10.000 Jahren nicht mehr existiert.
Auch ein Dire Wolf braucht nicht nur Quadratmeter.
Er braucht ein Ökosystem.
Beute.
Sozialstrukturen.
Raum.
Möglichkeiten, sein Verhalten auszuleben.
Die großen Beutetiere, mit denen Aenocyon dirus einst gemeinsam lebte,
existieren teilweise ebenfalls nicht mehr.
Man kann aber nicht einfach das Pleistozän wieder danebenstellen.
Und plötzlich geht es nicht mehr um Technik.
Über die wissenschaftliche Einordnung kann man ohnehin streiten.
Colossal veränderte bei Grauwölfen 20 genetische Varianten an 14 Genorten.
Wissenschaftler kritisieren deshalb die Bezeichnung „zurückgebrachter Dire Wolf“
und ordnen die Tiere eher als genetisch veränderte Grauwölfe mit
ausgewählten Dire-Wolf-Merkmalen ein.
Für meine eigentliche Frage ist das beinahe nebensächlich.
Denn egal, welchen Namen wir ihnen geben:
Sie sind keine Technologie mehr.
Keine Genomsequenz.
Kein Proof of Concept.
Keine Pressemitteilung.
Und damit entsteht Verantwortung.
Nicht erst dann, wenn man weiß, wie groß sie tatsächlich werden.
Nicht erst dann, wenn sie ihr vollständiges Sozial- oder Jagdverhalten zeigen.
Und auch nicht erst dann, wenn sich herausstellt, dass ein 2.000-Acres-Gehege vielleicht doch etwas anderes ist als ein Lebensraum.
Eigentlich müsste diese Verantwortung vor ihrer Geburt beantwortet worden sein.
Was brauchen diese Tiere als Erwachsene?
Wie sollen sie ihr Leben verbringen?
Was geschieht mit weiteren Generationen?
Soll es irgendwann mehr von ihnen geben?
Und wenn ja:
Wo sollen sie leben?
Oder tötet der Mensch dann einfach das, was er erschaffen hat?
Colossal hat bereits angekündigt, über eine nächste Generation nachzudenken.
Spätestens damit reicht mir „mal sehen, wie sie sich entwickeln“ nicht mehr.
Technik darf Glitzer streuen.
Und ich finde dieses Projekt weiterhin faszinierend. Vielleicht gerade deshalb schaue ich so genau hin.
Denn hinter allen spektakulären Bildern, genetischen Möglichkeiten und dem großen Wort
„De-Extinction“ stehen inzwischen drei reale Tiere.
Und während die Technik längst die nächste ausgestorbene Art ins Visier nimmt,
ist eine viel banalere Frage noch erstaunlich unbeantwortet:
Vielleicht wäre genau darauf ein Update inzwischen wichtiger als das nächste spektakuläre Projekt.



