by Monika Mosch | Okt. 21, 2026 | Alltag und Begleitung
Positive Erziehung klingt gut.
Ist sie auch.
Nur heißt positiv nicht automatisch, dass jede richtige Bewegung des Windhundes mit Leckerchen,
Lob und Begeisterung quittiert werden muss.
Genau da lohnt sich die Windhundbrille.
Windhunde sind intelligent. Sie beobachten genau. Sie lernen schnell, welche Reaktion beim Menschen
welches Ergebnis auslöst.
Und Menschen wiederum lieben Bestätigung.
Der Windhund schaut zum Menschen?
„Fein!“
Er setzt sich?
„Super!“
Er bleibt ruhig liegen?
„Prima!“
Er begrüßt jemanden, ohne das Mobiliar umzudekorieren?
Große Freude.
Irgendwann frage ich mich allerdings:
Muss richtiges Verhalten eigentlich immer kommentiert werden?
Wenn ich mit einem Paar arbeite, frage ich gerne, ob einer von beiden den anderen
jedes Mal lobt, wenn dieser unfallfrei mit Messer und Gabel isst.
Meistens lautet die Antwort: nein.
Schade eigentlich. So ein sauber geführtes Besteck könnte durchaus etwas mehr Anerkennung vertragen.
Beim Windhund machen wir dagegen schnell aus jedem selbstverständlichen Verhalten ein kleines Ereignis.
Wenn die Belohnung die Aufgabe überlagert
Leckerchen können sinnvoll sein. Sie können aber auch den Fokus verschieben.
Ein einfaches Beispiel ist das Laufband, egal ob zu therapeutischen Zwecken oder im Winter.
Möchte ich, dass der Windhund sich mit dem Laufband beschäftigt,
muss er wahrnehmen, was dort passiert.
Wo steht er?
Wie bewegt sich der Untergrund?
Was wird von ihm verlangt?
Liegt dabei ständig ein Leckerchen oder die Leberwursttube vor seiner Nase,
geht genau diese Auseinandersetzung verloren.
Sein Fokus liegt nicht mehr auf der eigentlichen Aufgabe, sondern auf der erwarteten Belohnung.
Und sehr schnell hat er noch etwas anderes gelernt:
Das Leckerchen gibt es auch, wenn ich zum Beispiel nicht auf das Laufband gehe.
Warum also sollte er gehen?
Denn Windhunde sind schlau. Aber so schlau nun auch wieder nicht.
Genau das macht unreflektiertes Bestätigen so tückisch.
Der Mensch will ein bestimmtes Verhalten aufbauen – bestätigt zwischendurch aber auch Verhalten,
das gar nicht zum Ziel führt.
Der Windhund lernt trotzdem.
Nur eben etwas anderes, als der Mensch ihm eigentlich beibringen wollte.
Wenn Lob zum Hintergrundgeräusch wird
Auch Lob kann zum Dauerrauschen werden.
Wenn jedes halbwegs richtige Verhalten gefeiert wird, verliert das Lob irgendwann an Bedeutung.
Ich finde es völlig in Ordnung, mich über eine wirklich gute Ausführung zu freuen.
Über 100 Prozent.
Nur sind 100 Prozent eben selten.
Und genau deshalb dürfen sie etwas Besonderes bleiben.
Richtiges Verhalten darf irgendwann einfach normal sein
Für mich bedeutet positive Erziehung nicht, dass ich jedes richtige Verhalten bezahlen muss.
Erziehung bedeutet auch:
Der Windhund lernt, was im Alltag gilt.
Nicht, weil ständig ein Leckerchen erscheint.
Nicht, weil der Mensch jedes Mal jubelt.
Sondern weil bestimmte Dinge irgendwann selbstverständlich werden.
Ruhig begrüßen.
Auf einem Platz liegen.
Warten.
Mitgehen.
Sich an Grenzen orientieren.
Und genau da wird es beim Windhund spannend.
Denn draußen reicht es nicht, wenn er gelernt hat:
„Sitz ist immer gut.“
Draußen muss er auch verstanden haben:
Nicht jede eigene Idee wird umgesetzt.
Im Sighthound Club gehe ich tiefer darauf ein, warum Bestätigung beim Windhund schnell zum
falschen Fokus führt – und weshalb das Ziel durchaus attraktiv bleiben darf,
der Weg dorthin aber trotzdem Bedingungen hat.
Denn positiv erziehen heißt für mich nicht:
Alles erlauben und anschließend freundlich kommentieren.
Es heißt, klar zu sein.
Auch ohne ständig Glitzer zu streuen.
Windhunde verstehen. Dein Windhund, Deine Verantwortung.
by Monika Mosch | Okt. 17, 2026 | Alltag und Begleitung, Haltung und Wahrnehmung
Es wird Herbst. Die Temperaturen sinken, die Pullover werden dicker und die ersten Windhunde verschwinden unter ihren Mäntelchen.
So weit, so sinnvoll.
Doch inzwischen gibt es eine weitere Möglichkeit, seinen kleinen Vierbeiner warmzuhalten:
Der Mensch zieht sich einen Pullover an, steckt seinen Windhund vorne hinein und lässt nur noch dessen Kopf herausschauen.
Praktisch. Beide haben es warm, und die Hände bleiben frei.
Und niedlich sieht es auch noch aus.
Aber ist niedlich eigentlich ein ausreichendes Argument,
wenn es um das Wohlbefinden eines Windhundes geht?
Warm, weich und immer dabei
Gerade für kleine Windhunde, insbesondere Italienische Windspiele,
scheint diese Art der Unterbringung wie geschaffen.
Sie frieren leicht, suchen gerne die Nähe ihres Menschen und verschwinden
mit Begeisterung unter warmen Decken.
Warum also nicht gleich den passenden Pullover für den Menschen kaufen,
in dem der Windhund seinen eigenen Platz bekommt?
Ich verstehe den Gedanken durchaus.
Nur gibt es einen entscheidenden Unterschied zwischen einem Windhund, der sich selbst unter eine Decke kuschelt, und einem Windhund, der in einer eigens dafür vorgesehenen
Öffnung eines Kleidungsstücks steckt.
Auch ein Windhund in einem solchen Pullover kann möglicherweise anzeigen, dass er herausmöchte.
Entscheidend ist, ob sein Mensch diese Signale wahrnimmt und ihm ermöglicht, die Situation zu verlassen.
Und das ist der Moment, wo für mich der Kuschel-Konsum-Konflikt beginnt.
Der Windhund ist kein Bestandteil unserer Garderobe
Ein Windhund, der am Körper seines Menschen getragen wird, kann sich nicht uneingeschränkt bewegen.
Je nach Konstruktion des Kleidungsstücks kann er seine Körperhaltung nur begrenzt verändern.
Auch die Position seines Kopfes und der Druck durch die Öffnung müssen berücksichtigt werden.
Das gilt besonders dann, wenn der Mensch sich bewegt, bückt oder hinsetzt.
Was passiert dabei mit dem kleinen Windhund?
Kann er sich bequem hinlegen oder seine Position verändern?
Wird sein Körper ausreichend gestützt?
Bleibt sein Hals frei von unangenehmem Druck?
Und vor allem: Kann er seinem Menschen überhaupt verständlich machen, wenn es ihm zu viel wird?
Ein Windhund, der ruhig aus einem Pullover schaut, muss sich darin nicht zwangsläufig wohlfühlen.
Vielleicht genießt er die Wärme und die Nähe.
Vielleicht hat er aber auch schlicht keine Möglichkeit, sich anders zu verhalten.
Stillhalten ist nicht automatisch Zustimmung.
Muss mein Windhund eigentlich überall mit?
Es gibt Situationen, in denen das Tragen eines kleinen Windhundes sinnvoll sein kann.
Ein älterer Windhund, der keine längeren Strecken mehr bewältigt. Ein verletzter Windhund, der vorübergehend geschont werden muss. Oder ein kurzer Transport durch eine Situation, die sich auf eigenen Pfoten gerade nicht sicher bewältigen lässt.
Das sind nachvollziehbare Gründe.
Aber ein gesunder kleiner Windhund braucht nicht deshalb einen Platz in unserem Pullover,
weil wir ihn gerne möglichst nah bei uns haben möchten.
Er braucht Bewegung, die Möglichkeit, seine Umgebung selbstständig wahrzunehmen, und ausreichend Gelegenheit, sich mit seiner eigenen Umwelt auseinanderzusetzen.
Auch dann, wenn es draußen kalt ist.
Dafür gibt es passende Kleidung für den Windhund selbst.
Und wenn das Wetter tatsächlich keinen längeren Spaziergang zulässt, darf der Ausflug eben kürzer ausfallen.
Nicht jeder Windhund muss bei jedem Einkaufsbummel, jedem Cafébesuch
und jeder Unternehmung dabei sein.
Manchmal ist der gemütliche Platz zu Hause die angenehmere Lösung.
Ganz ohne modisches Loch im Pullover.
Ob es auch zum Bedürfnis unseres Windhundes passt, sollten wir nicht allein daran festmachen,
wie niedlich er darin aussieht. Und auch nicht daran, wie viele bewundernde Blicke wir damit auf uns ziehen.
Mein Windhund darf klein sein. Seine Bedürfnisse sind es nicht.
Ich habe nichts dagegen, einen kleinen Windhund gelegentlich auf den Arm zu nehmen
oder ihn zu tragen, wenn die Situation es erforderlich macht.
Ich habe auch nichts gegen warme Kleidung, gemütliche Decken und ausgiebige Kuschelstunden.
Aber ich möchte, dass der Windhund dabei Windhund bleiben darf.
Mit seinem eigenen Körper, seinen eigenen Bedürfnissen und der Möglichkeit, Nähe auch einmal zu beenden.
Denn ein Windhund ist kein Accessoire, das wir passend zu unserer Herbstgarderobe auswählen.
Und vielleicht sollten wir uns vor dem nächsten besonders niedlichen Kauf eine ganz einfache Frage stellen:
Braucht mein Windhund das wirklich?
Oder macht es vor allem meine Welt ein bisschen bunter?
Denn Glitzer streuen macht Spaß.
Aber bitte nicht auf Kosten derjenigen, die sich nicht selbst aus unserem Pullover befreien können.
Windhunde verstehen. Dein Windhund, Deine Verantwortung.
by Monika Mosch | Okt. 13, 2026 | Gesundheit, Wissen und Einordnung
Über Corns habe ich schon mehrfach geschrieben.
Darüber, was Corns überhaupt sind. Darüber, wie sie sich von Dornwarzen unterscheiden.
Und darüber, dass schmerzhafte Veränderungen an den Ballen eines Windhundes nicht einfach etwas
sind, mit dem er eben leben muss.
Eigentlich könnte das Thema damit erledigt sein.
Ist es aber nicht.
Denn manchmal schaut man auf eine Pfote – und sollte vielleicht ein Stück weiter oben weiterschauen.
Ruby war der Anlass, noch einmal genauer hinzusehen
Bei Ruby standen Veränderungen an den Ballen im Raum, die zunächst natürlich an Corns denken ließen.
Das ist naheliegend.
Eine verhärtete Stelle am Ballen, Probleme auf bestimmten Untergründen, verändertes Laufen –
da landet der Blick sehr schnell bei der Pfote.
Nur passte irgendwann nicht mehr alles so richtig zusammen.
Und genau dann wird es für mich interessant.
Nicht im Sinne von:
Was kann ich an dieser Stelle behandeln?
Sondern:
Warum entsteht diese Veränderung ausgerechnet dort?
Eine Pfote läuft schließlich nicht alleine
Ein Windhund besteht glücklicherweise nicht aus vier Pfoten mit etwas Windhund dazwischen.
Wie ein Ballen belastet wird, hängt davon ab, wie der gesamte Windhund läuft.
Wie steht das Bein?
Wie bewegt sich die Schulter?
Wie arbeitet die Hinterhand?
Wie verteilt sich das Gewicht?
Und was passiert, wenn der Körper schon lange versucht, an einer anderen Stelle etwas auszugleichen?
Bei Ruby gibt es Hinweise auf eine ältere Verletzung und ein deutlich verändertes Bewegungsmuster.
Das Becken scheint dabei eine wichtige Rolle zu spielen.
Damit verändert sich zwangsläufig auch die Belastung weiter unten.
Bis hin zur Pfote.
Plötzlich ist eine verhornte Stelle am Ballen.
Sie kann auch das Ergebnis davon sein,
wie dieser Windhund seit langer Zeit seinen Körper benutzt.
Genau deshalb reicht mir „Das ist ein Corn“ nicht
Eine Bezeichnung kann hilfreich sein.
Sie kann aber auch dazu führen, dass wir aufhören hinzuschauen.
Corn benannt.
Pfote behandelt.
Fertig.
Nur ist die spannende Frage möglicherweise gar nicht:
Was ist das?
Sondern:
Warum ist es dort?
Wenn immer wieder genau dieselbe Stelle übermäßig belastet wird, darf ich zumindest darüber nachdenken,
ob das Problem wirklich ausschließlich im Ballen sitzt.
Denn selbst wenn ich die Veränderung dort beseitige, bleibt die Belastung möglicherweise bestehen.
Und dann wundern wir uns später, warum das Problem wiederkommt.
Untergründe erzählen manchmal mehr als ein Foto
Auch bei Ruby macht es einen Unterschied, worauf sie läuft.
Weiche Untergründe funktionieren besser.
Asphalt oder Schotter deutlich schlechter.
Das sagt natürlich noch nicht automatisch, wo genau die Ursache liegt.
Aber es ist eine Beobachtung.
Und Beobachtungen sind für mich häufig wertvoller als eine besonders schnelle Erklärung.
Denn aus mehreren kleinen Beobachtungen entsteht irgendwann ein Muster:
Wie läuft der Windhund?
Wann verändert sich das Gangbild?
Auf welchem Untergrund?
Welche Pfote wird belastet?
Welche andere Körperseite arbeitet vielleicht längst mit?
Genau deshalb schaue ich mir einen Windhund lieber vollständig an,
bevor ich ein einzelnes Körperteil zum Hauptdarsteller erkläre.
Hinschauen heißt nicht, sofort eine neue Diagnose zu erfinden
Es wäre genauso falsch, nun hinter jedem Corn automatisch ein Beckenproblem zu vermuten.
Darum geht es nicht.
Es geht um etwas viel Einfacheres:
Nicht zu früh mit dem Denken aufhören.
Vielleicht sitzt das Problem tatsächlich ausschließlich in der Pfote.
Vielleicht aber auch nicht.
Und manchmal verändert eine Information über eine alte Verletzung,
ein auffälliges Gangbild oder eine dauerhaft einseitige Belastung plötzlich den gesamten Blick auf das,
was man vorher lediglich als „Pfotenproblem“ gesehen hat.
Ruby ist dafür gerade ein ziemlich gutes Beispiel.
Nicht, weil ihr Fall bereits sämtliche Antworten liefert.
Sondern weil er wieder einmal zeigt, wie wichtig die richtige Frage ist:
Was sehe ich – und warum entsteht es genau dort?
Im Sighthound-Club ist daraus inzwischen eine sehr konkrete Diskussion entstanden –
mit Erfahrungen und Beobachtungen von mehreren Windhunden, unterschiedlichen
Behandlungswegen und der Frage, was passiert, wenn man bei Corns eben nicht nur auf den Ballen schaut.
Windhunde verstehen. Dein Windhund, Deine Verantwortung.
by Monika Mosch | Okt. 10, 2026 | Haltung und Wahrnehmung, Sighthound-Club Member, Windhund-Magazin
Mit den gemeinsamen Jahren wächst die Vertrautheit. Doch auch der Windhund sammelt Erfahrungen, wird selbstständiger und entdeckt seine eigenen Möglichkeiten. Warum Bindung keine Garantie für dauerhafte Verlässlichkeit ist.
Dieser Inhalt gehört zu den vertiefenden Magazin-Inhalten und geht über die frei zugängliche Einordnung hinaus.
Wenn Du tiefer einsteigen möchtest, findest Du im Sighthound-Club ausführlichere Zusammenhänge,
Hintergründe und praktische Einordnungen rund um Windhunde.
Der Zugriff ist für die Mitglieder des Sighthound-Clubs möglich.
Frei zugänglich (offen) bleiben ausgewählte Magazin-Beiträge
zur Orientierung und Einordnung.
Für entsprechend gekennzeichnete Magazin-Beiträge ab dem 1. Juni 2026 bis 30.09.2026
kannst Du alternativ einen 4-Wochen-Lesepass erwerben.
Der Lesepass gilt ausschließlich für die Magazin-Beiträge.
Bist Du bereits Mitglied im Sighthound-Club oder hast einen aktiven Lesepass?
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by Monika Mosch | Okt. 7, 2026 | Alltag und Begleitung, Haltung und Wahrnehmung
Was seine jagdlichen Eigenschaften mit unserem Alltag zu tun haben.
„Ein Windhund muss rennen!“
„Er braucht seine Freiheit.“
„Er muss seine eigenen Entscheidungen treffen dürfen.“
„Ich möchte ihn nicht ständig einschränken.“
Solche Aussagen höre ich immer wieder.
Meistens von Menschen, die ihrem Windhund möglichst gerecht werden möchten.
Sie möchten seine Bedürfnisse berücksichtigen, seine Eigenständigkeit respektieren
und ihm ein Leben ermöglichen, das seiner Natur entspricht.
Das klingt zunächst wunderbar.
Doch was passiert, wenn der Mensch aus Rücksicht auf die vermeintlichen
Bedürfnisse seines Windhundes immer mehr Entscheidungen ihm überlässt?
Wenn der Windhund selbst bestimmt, wann er rennt, wohin er läuft, wem er sich nähert und wann er eingreift?
Dann wird aus gut gemeinter Freiheit schnell eine Aufgabe, die eigentlich dem Menschen gehört.
Wenn aus Eigenständigkeit Zuständigkeit wird
Bei einem Besuch erlebte ich ein junges Windspiel, das im Haushalt bereits erstaunlich
viel Verantwortung übernommen hatte.
Es kontrollierte Spielzeug, beanspruchte seine Halterin als Ressource,
bedrängte die Katzen und einen älteren Hund.
Als ich es einschränkte, schnappte es nach mir.
Die Reaktion vieler Menschen wäre vermutlich:
„Typisch Windspiel!“
Meine Reaktion war eine andere.
Ich sah einen jungen Windhund, der längst begonnen hatte, Aufgaben zu übernehmen,
die eigentlich seinem Menschen gehören.
Er entschied, was erlaubt war, wer sich bewegen durfte und wann er eingreifen musste.
Das Problem war nicht seine Eigenständigkeit. Sondern die Verantwortung, die er übernommen hatte.
„Aber er muss doch rennen dürfen!“
Natürlich gehört Bewegung zum Leben eines Windhundes.
Doch zwischen dem Bedürfnis nach Bewegung und dem Anspruch, jederzeit selbst über Tempo,
Richtung und Dauer entscheiden zu dürfen, liegt ein entscheidender Unterschied.
Ein Windhund, der bei jeder Gelegenheit losrennen darf, lernt nicht automatisch,
seine Bewegungsimpulse zu kontrollieren.
Und ein Windhund, der eigenständig entscheidet, wann er einem Bewegungsreiz nachgeht,
übernimmt damit eine Aufgabe, die im Alltag erhebliche Konsequenzen haben kann.
Ich erlebe immer wieder, dass Menschen das Rennenlassen mit
artgerechter Beschäftigung gleichsetzen.
Dabei wird eine wichtige Frage übersehen:
Wer entscheidet eigentlich, wann aus dem Bedürfnis nach Bewegung eine Handlung wird?
Der Windhund? Oder sein Mensch?
„Aber ich möchte sein Vertrauen nicht verlieren!“
Diesen Gedanken höre ich häufig, wenn es darum geht, einem Windhund Grenzen zu setzen.
Man möchte ihn nicht einschränken, seine Persönlichkeit nicht unterdrücken
und schon gar nicht die Beziehung gefährden.
Dabei wird eines gerne übersehen:
Ein Windhund braucht nicht die Verantwortung für seinen gesamten Alltag,
nur weil er genetisch hervorragend darauf vorbereitet ist, eigenständig Entscheidungen zu treffen.
Er muss weder Katzen noch Besucher kontrollieren.
Er muss nicht entscheiden, wer sich wem nähert.
Und er muss auch nicht jeden Bewegungsreiz selbstständig beantworten.
Das ist keine Frage von Gehorsam.
Es ist eine Frage der Zuständigkeit.
Und die beginnt beim Menschen.
Was, wenn das vermeintliche Problem ursprünglich eine Stärke war?
Windhunde wurden über Generationen auf Eigenschaften selektiert,
die dem Menschen bei der Jagd einen entscheidenden Vorteil verschafften.
Schnelle Wahrnehmung. Eigenständige Entscheidungen. Unmittelbare Reaktionen.
Diese Fähigkeiten verschwinden nicht, nur weil der Windhund heute auf unserem Sofa liegt.
Sie begleiten ihn auch durch unseren Alltag.
Was passiert also, wenn wir diese Eigenschaften nicht verstehen oder sie falsch einordnen?
Wenn wir ständig versuchen, einzelne Verhaltensweisen zu korrigieren, anstatt uns anzuschauen,
weshalb der Windhund überhaupt handelt?
Vielleicht liegt die eigentliche Schwierigkeit nicht darin,
dass unser Windhund zu viel Eigenständigkeit besitzt.
Vielleicht haben wir ihm schlicht zu viel Verantwortung überlassen.
Liebe verändert weder die Natur eines Tieres noch ersetzt sie die Verantwortung des Menschen.
Natürlich ist ein domestizierter Windhund kein wildes Raubtier. Aber die menschliche Vorstellung,
eine besonders enge Bindung würde natürliche Verhaltensweisen außer Kraft setzen,
begegnet mir sehr oft im Alltag mit Windhunden.
„Er würde mir niemals etwas tun.“
„Er liebt mich doch.“
„Er gehört zur Familie.“
Und dann kommt der Moment, in dem der Windhund anders handelt, als sein Mensch es erwartet hat.
Nicht, weil die Bindung plötzlich verschwunden ist.
Sondern weil Bindung und eigenständiges Handeln einander nicht ausschließen.
Wir können unseren Windhund lieben, ihn als Familienmitglied betrachten und ihm trotzdem
Aufgaben überlassen, die ihn im Alltag überfordern oder andere gefährden.
Wenn ein Windhund schließlich gegen seinen Menschen vorgeht, lohnt sich eine genaue Analyse:
Wie hat sich die Beziehung entwickelt?
Welche Entscheidungen hat der Mensch bisher getroffen?
Und was ist in der konkreten Situation geschehen?
Nicht jeder Vorfall ist allerdings automatisch das Ergebnis eines Erziehungsfehlers.
Ein Restrisiko bleibt immer –
unabhängig davon, wie zuverlässig sich ein Windhund führen lässt.
Denn auch ein gut erzogener Windhund bleibt ein eigenständig handelndes Lebewesen.
Windhunde verstehen. Dein Windhund. Deine Verantwortung.
Im Sighthound-Club gehe ich dieser Frage ausführlicher nach.
Warum wird aus schneller Wahrnehmung plötzlich Kontrolle?
Weshalb übernehmen manche Windhunde immer mehr Aufgaben im Alltag?
Und warum können gut gemeinte Freiheiten genau das Verhalten fördern,
das ihren Menschen Schwierigkeiten bereitet?
In meinen Artikeln beleuchte ich dieselben Zusammenhänge immer wieder aus
unterschiedlichen Perspektiven.
Denn erst wenn wir die genetischen Eigenschaften unserer Windhunde und unser
eigenes Verhalten im Zusammenspiel betrachten, können wir verstehen,
weshalb sich bestimmte Verhaltensweisen entwickeln.
Und weshalb der Mensch dabei eine entscheidende Rolle spielt.
Genau das, was Windhunde jagdlich brillant macht, macht sie sozial anspruchsvoll
Der vollständige Beitrag ist im Sighthound-Club erschienen.