Windhund Skelett in der Flugphase
06/11/2019

Fit für Rennbahn & Coursing (10)

Last Updated on 05/04/2020 by Monika

Kapitel 10

Belastung, Trainingsbelastung, Biomechanik, Lokomotion

Verletzungsursachen

Verletzungen bei unseren Hunden entstehen nicht nur im Windhund-Rennsport sondern hauptsächlich im Alltag und in der Freizeit. Verletzungen die aufgrund der Teilnahme am Rennsport entstehen sind in diversen Statistiken des Profi-Rennsports erfasst und überall im Internet zu finden.

Die jüngste Auswertung der Gesundheitsfragebogen des DWZRV bei den Greyhounds hat ergeben, dass über 70 % der Verletzungen in der Freizeit passiert sind. Hingegen ca. 28% auf der Rennbahn und 25 % gaben an, dass die Verletzung im häuslichen Bereich passierte. Die Gesundheitsfragebögen gibt es erst seit 2019 und daher basiert diese erste Auswertung z.B. bei den Greyhounds derzeit auf 157 Teilnehmern.

Bei den Renn- und Coursingveranstaltungen im Hobby-Rennsport werden die im Rahmen des Wettkampfes vorkommenden Verletzungen ebenfalls statistisch erfasst. Besteht ein erhöhtes Gesundheits- oder Verletzungsrisiko, zum Beispiel durch Umwelteinflüsse wird das Training oder auch der Wettkampf abgesagt oder gar abgebrochen.

Belastung und Bewegung

Das Skelett wäre ohne Bänder, Sehnen und Muskulatur einfach nur ein loser Haufen Knochen. Die Muskulatur stützt und schützt die Knochen und Gelenke vor Belastung. Und ohne Muskulatur, Sehnen und Bändern wäre Bewegung nicht möglich.

Sich zu bewegen bedeutet aber nicht unbedingt, dass jede Bewegung für den Körper grundsätzlich belastend ist. Denn Belastung ist an den für eine Bewegung notwendigen Kraftaufwand gebunden. Wie bei der Muskulatur müssen auch die Knochen Belastungsreize bekommen, damit sie sich entsprechend „formen“. Das Wolff’sche Gesetz besagt, dass der Knochen sich durch Belastung aufbaut und an Festigkeit zunimmt. Wenn er hingegen nicht oder nur wenig belastet wird, baut er sich ab. Wolff hatte damit bewiesen, dass der Knochen sich an die Funktion anpasst und bei dauerhafter Entlastung degeneriert. (HINT: Kapitel 5 – Kurventraining)

Durch Training passen wir die Knochen der Belastung an. Durch die Belastung ändert sich Struktur und Größe der Knochen, dadurch werden Schäden beseitigt und die Knochenfestigkeit beibehalten.

Faktoren wie zum Beispiel die individuelle Geschwindigkeit, die Rennstrecke und das Streckendesign, insbesondere der Kurvenradius und der Grad der Kurve erhöhen das Risiko von Verletzungen des Bewegungsapparates erheblich.1 Sicard et al. 1999.

Die körperliche Verfassung, d.h. wie gut der Hund auf die bevorstehende Belastung vorbereitet ist, ist die beste Prävention gegen Überlastung und somit auch gegen Verletzungen.

Eine Überlastung entsteht nämlich nur dann, wenn der Körper auf die Belastung nicht ausreichend vorbereitet ist.

Bei den Geschwindigkeiten die unsere Windhunde entwickeln, wirken erhebliche Kräfte auf die Gliedmaßen. Die Kräfte die auf den Bewegungsapparat wirken, werden zusätzlich durch das Gewicht (Masse) und die Geschwindigkeit des Windhunds beeinflusst. Wir befinden uns also mitten der Welt der Biomechanik.

Wer dazu in die Grundlagen einsteigen möchte, dem kann ich das Buch „Hunde in Bewegung“ von Prof. Fischer (Fischer et al) 2Prof. Dr. Martin S. Fischer Institut für Spezielle Zoologie und Evolutionsbiologie mit Phyletischem Museum der Friedrich-Schiller-Universität Jena und seinem Team wärmstens empfehlen.

Es basiert auf einer umfassenden Untersuchung zur Bewegung von gesunden Hunden. Mit enormem technischen Aufwand wurden die Bewegungsabläufe von 327 Hunden aus 32 Hunderassen vermessen, dokumentiert und verglichen.

Die für unsere Windhunde wichtige anatomische Erkenntnis: „Der Drehpunkt der Vorderbeine ist das Schulterblatt, das nur über die Muskulatur mit dem Skelett verbunden ist. Das eigentliche Schultergelenk bleibt bei der Fortbewegung der Hunde dagegen nahezu unbeweglich.

Interessant auch die Feststellung von Dr. Fischer: „Zwar ist klar, dass etwa der Oberarm eines Schnauzers kürzer ist als der einer Dogge“. Bezogen auf die Gesamtlänge des Vorderbeines beträgt die Länge des Oberarms aber immer exakt 27 Prozent. Die relative Länge des Schulterblattes variiere dagegen zwischen 24 und 34 Prozent. „Bei kurzbeinigen Hunden ist das Schulterblatt relativ lang, bei Windhunden relativ kurz. Aber der Oberarm bleibt immer gleich lang.“

Einen Einblick in die Forschungsergebnisse von „Hunde in Bewegung“ findest Du in dem unten verlinkten Video.

Hunde in Bewegung via Heel

Asymmetrische Trainingsbelastung auf der Rennbahn

Die asymmetrische Trainingsbelastung auf der Rennbahn bewirkt eine asymmetrische Anpassung der Anatomie 3Hercock (2010). Dadurch, dass die Windhunde auf der Rennbahn immer links herum laufen, gehen wir davon aus, dass die größten Kräfte auf die Beinknochen vorne Links wirken.

Durch Bone-Modeling wird sich der Knochen des linken Beines an diese erhöhten Kräfte in der Belastung (Bewegung mit Kraftaufwand) anpassen.

Der Beinknochen bedient sich dabei an dem Kalzium aus dem Knochen des linken Beins, greift aber auch auf das Kalzium in den Knochen anderer Regionen des Körpers zu.

Mit zunehmender Geschwindigkeit nimmt die Bodenkontaktzeit ab und die gegen den Boden erzeugten Kräfte nehmen weiter zu. 4Hercock 2010 Windhunde sind anatomisch an diese hohen Kräfte angepasst. Die Stellung der Gliedmassen befähigt sie zu diesen hohen Geschwindigkeit.

Bei den Untersuchungen wurde fest gestellt, dass die linken vorderen Beinknochen eine erhöhte Knochenmineraldichte und andere Marker des Knochenstoffwechsels aufweisen und damit eine Veränderung der Knochen-Zusammensetzung zeigen.

Die Beinknochen der rechten Seite sind dagegen kalziumarm, aber trotzdem noch starken Belastungen in den Kurven ausgesetzt.

In einer detaillierten Untersuchung von Beinbrüchen bei Windhunden im Rennsport, zu denen unter anderem auch Frakturen des rechten vorderen Handwurzelknochens gehörten, wurde fest gestellt, dass die gebrochenen Knochen Anzeichen einer Mineralisationsstörung aufweisen. Diese Veränderungen der Knochenmatrix und die Asymmetrien zwischen linken (unverletzt) ​​und rechten (gebrochen) Knochen weisen auf ein Ungleichgewicht im Bone Modeling (Knochenumbau) hin.

Zuerst kommt es zu einer Schwächung mit anschließendem strukturellem Versagen des Knochens.

Der Ausgleich für die einseitige Belastung auf der Rennbahn ist den Erkenntnissen nach durch Bewegung des Windhundes in der Freizeit als Alternative bzw. als Ausgleich nicht ausreichend, um den Problemen entgegen zu wirken.

Auch scheint die Belastung die beim Rennen auf die rechten Beine wirken nicht hoch genug zu sein, um mit den Belastungen der linken Beine mitzuhalten. Denn ohne Belastung mit dem notwendigen Kraftaufwand kommt es nicht zu einer Anpassung des Knochens.

Wir wissen, dass sich der Körper am körpereigenen Kalzium bedient und zwar dann, wenn der erhöhte Bedarf bei Belastung nicht durch das Futter oder Nahrungsergänzung angepasst wurde oder die Belastung extrem hoch ist.

Aufgrund der Ergebnisse im Bone-Modeling bei Rennhunden müsste geforscht werden, inwieweit es möglich ist, durch Futter den notwendigen Kalziumbedarf im rechten Bein zu decken, um genau die Kalziumarmut zu verhindern.

Asymetrien finden sich darüber hinaus in den Zugeigenschaften der Sehnen des Beckensbeins und der Gliedmaßen. Die Verletzungen sind auch stark abhängig davon in welchem Alter sich die Windhunde befinden.

Frakturen der Mittelhand und/oder des Mittelfußes scheinen altersabhängig zu sein und treten bei jungen Windhunden im Alter zwischen dem 12. und 37. Lebensmonat vermehrt auf. Die Ursache hierfür wird in der noch mangelnden Skelettreife und -Stärke gesehen 5 (Bellenger et al. 1981, Ness 1993, Piras 2005).

Frakturen der Mittelhand und des Mittelfußknochen sind abhängig vom Abstand zur Schiene auf der Rennbahn beim Windhund-Rennsport

Es wird angenommen, dass die Frakturen des Mittelhand- und des Mittelfußknochens abhängig vom „Abstand“ zur Schiene, Ermüdungsfrakturen sind, die sich aus der wiederholten zyklischen Belastung während des Trainings oder Wettkampfes ergeben 6(Johnson et al. 2001).

Beim Vergleich mit Rennpferden, die bei den Rennen auch immer links herum laufen, ist auffällig, dass Rennpferde täglich trainiert werden und dadurch unter einer kontinuierlichen Belastung stehen.

Unsere Windhunde trainieren oder rennen jedoch normalerweise nur einmal pro Woche. Die Studie 7Specialisation for fast locomotion: performance, cost and risk. Thesis submitted in accordance with the requirements of the University of Liverpool for the degree of Doctor in Philosophy by Carol Ann Hercock hat ergeben, dass es ungefähr 3-5 Tage dauern kann, bis der Knochenresorptionsprozess startet, was bedeutet, dass durch die Zeitspanne der Pause der Knochenumbau bereits beginnt und dadurch der Knochen beim nächsten Rennen oder Training mechanisch schwächer und damit auch anfälliger für weitere Schäden ist.

Ist der Prozess des Knochenumbaus einmal in Gang gesetzt, kann dieser nicht mehr aufgehalten werden.

Dies muss von Dir bei jeder Art von Pause von einem belastungsintensiven Training berücksichtigt werden.

In einer Studie mit Rennpferden (J.M. Holmes et al) 8Thoroughbred horses in race training have lower levels of subchondral bone remodelling in highly loaded regions of the distal metacarpus compared to horses resting from training haben Rasterelektronenmikroskopie Untersuchungen gezeigt, dass es eine höherer Porosität der Knochen bei den Rennpferden mit längeren Ruhezeiten im Vergleich zu den Pferden gibt, die über 12 Wochen weiter trainiert wurden.

Trainingspläne, die die Erkenntnisse um das Bone-Modeling berücksichtigen und die Trainingsbelastung nachvollziehbar aufzeichnen, tragen in Zukunft sicherlich zu weniger Verletzungen bei.

So gibt ein Trainingsplan Aufschluss über Pausen vom belastungsintensiven Training. Zusätzliche Informationen wie die Geschwindigkeit des Hundes während des Training und was – wie trainiert wird, sowie die Art des Bodens der Rennstrecke und die Art und Weise, wie die Strecke gepflegt wird, würden sicherlich noch mehr Licht ins Dunkel bringen.


Die Biomechanik beim Hund

Die Biomechanik ist ähnlich kompliziert wie die Biochemie, da jeder Körperbereich, Skelett, Muskulatur etc. seine eigenen biochemischen Gesetze hat, aber diese wieder in der Gesamteinheit miteinander wirken.

Auch mit den modernen Techniken wie MRT 9Magnetresonanztomographie und CT 10Computertomographie stossen wir Hundehalter zusammen mit den Tierärzten oftmals an die Grenzen der Möglichkeiten für eine Diagnose und einer sich daraus ergebenden zielführenden Therapie oder Prävention.

Das kann daran liegen, dass die Biomechanik bereits in der Wachstumsphase überfordert wurde.

Ich sehe die Problematik bei unseren Windhunden hauptsächlich in den Auswirkungen einer unkontrollierten Aktivität, gerade im Welpenalter und der gesamten Wachstumsphase. Die physiologischen Möglichkeiten die der kleine Windhundkörper bereits mit bringt überfordern die Belastbarkeit von Gelenken, Bändern und Sehnen. Die quirligen, jungen Dinger „verletzen“ sich oftmals unbemerkt bei wilden Spielereien und Zick-Zack-Bewegungen mit engen Wendungen und Stopps. Ein kontrollierter Muskelaufbau findet bei solchen Aktionen und Aktivitäten allerdings nicht statt.

Umso wichtiger ist neben den Ruhephasen darauf zu achten, dass aus vermeintlich „niedlichem“ Spiel keine Spätschäden entstehen.

Einen Windhund dem Alter und dem Wachstum entsprechend zu bewegen ist die große Kunst.

Achsenabweichungen sind zum Beispiel in den Karpal– und Sprunggelenken, sowie „Plattfüsse“ oder andere Fehlstellungen bedingt durch Überlastung von Bändern und Sehnen, sind der bittere Beigeschmack von „zu viel“ des Guten unter einem falschen Bewegungsmuster.

Stressfrakturen durch Überforderung / Übermüdung der Muskulatur sind keine Seltenheit.

Windhunde sollten regelmässig in der Wachstumsphase zum Osteopath oder Physiotherapeut.

In der Wachstumsphase des Junghundes und bis zum Ausreifen des Bewegungsapparates hat sich aus meiner Erfahrung der Besuch beim Osteopath im Abstand von 4 – 6 Wochen bewährt.

Passiert ein offensichtliches „Unglück“ solltet Ihr Euren Windhund am besten gleich checken lassen. So können Schiefstände direkt behoben werden, bevor sie sich manifestieren und später den ausgewachsenen Hund „behindern“ oder immer wieder für Lahmheiten oder Verletzungen mit unklarer Ursache sorgen.

Unfälle durch Spielen und Toben die ohne offensichtliche Verletzungen einhergehen.
Kleine „Unfälle“ die ohne offensichtliche Verletzungen einhergehen passieren schnell und werden oftmals gar nicht bemerkt oder gesehen.

Ein Muskelaufbau, der den Bewegungsapparat stütz und unterstützt soll, kann nur durch kontrollierte und regelmässige Bewegung aufgebaut werden. Immer entsprechend dem Alter und der Entwicklung des Körpers angepasst.

Bei den Pferden weiß man, dass „Schritt gehen“ die Gangart der Wahl ist, um schonend Muskulatur und Kondition aufzubauen.

Kurze Trabstrecken zusammen mit Dir machen auch Deinem Hund Spaß und tragen dazu bei, dass er Dich auch in einer anderen, schnelleren Gangart erlebt als nur im Schritt. Dies hilft Dir später sicherlich beim Ringtraining, sofern Du vor hast, Deinen Windhund auf der Ausstellung zu präsentieren.

Scharfe Stopps und schnelle Wendungen solltest Du bei Deinem Hund in der Wachstumsphase gut kontrollieren. Optimal für einen Muskelaufbau ist zum Beispiel zügiges Bergauf gehen oder leichter Trab.

Das Heranführen an verschiedene Untergründe und die Schulung der Raum-Lage-Orientierung machen genauso viel Spaß wie Flitzespiele und sind für die Entwicklung gesünder als wildes und unkontrolliertes Toben.

Wie bei so vielem, die Dosierung macht es giftig.

Es geht nicht darum Spaß und Spielverderber zu sein, jedoch sollte Spazieren gehen nicht zum Spazieren stehen werden und der Welpe oder Junghund tobt wild mit anderen Hunden herum, bis er nicht mehr kann.

Mit der Genetik bringen unsere Windhunde schon mal die allerbeste Voraussetzungen für eine gute Muskulatur mit. Vernachlässigen wir in der Wachstumsphase die Biomechanik des Skelettsystems (Schulter, Hüfte, Wirbelsäule und Becken) wird der Muskelaufbau weniger effizient sein.

Eine manuelle Therapie bei einem guten Osteopath, Chiropraktiker oder Physiotherapeut kann die Weichen wieder richtig stellen. So werden Asymmetrien im Skelettsystem sofort erkannt, die später auf der Rennbahn durch die erhöhte linksseitige Belastung nicht noch zusätzliche Störungen oder Verletzungen bedingen.

Eine Gangbild-Analyse bei einem auf Orthopädie spezialisierten Tierarzt, der die kleinen feinen Dinge sieht, ist sicherlich die „Investition“ Wert. Diese Gangbild-Analyse sollte zum Beispiel auch beinhalten, wie Dein Hund beim Laufen und Gehen die Pfoten setzt. Die Harmonie der Gelenke, Ellbogen, Hüfte, Schultern und der Wirbelsäule und erzeugt ein optimales Gangbild.


Stressfrakturen

Stressfrakturen entstehen durch Ermüdung und sind die Folge von zu hoher Belastung oder falschen Belastungs-Pausen. Knochenschwächende Parameter wie zum Beispiel eine reduzierte Knochendichte, hormonale Veränderungen, Störungen des Kalzium-Phosphat-Stoffwechsels können ebenfalls die Ursache für Stressfrakturen sein. Aber auch biomechanische Veränderungen wie zum Beispiel muskuläre Dysbalancen oder kleine Änderungen des Trainings können eine Stressfraktur verursachen.

Von einer Mikrofraktur spricht man dann, wenn die Belastung auf die Knochen höher ist und die Kapazitätsgrenze der Belastbarkeit erreicht ist.

Mikrofrakturen müssen nicht mit Schmerzen einhergehen und auch äusserlich nicht sichtbar sein. In der Regel kann der Körper damit gut umgehen, wiederholt sich allerdings die Schädigung und es reihen sich viele Mikrofrakturen aneinander, kann der Knochenstoffwechsel nicht mehr mithalten und es kommt zur Stressfraktur.

Die Ursache kann falsche Ernährung, unzureichendes Training, mangelhafter Aufbau nach einer Verletzungs- oder Saisonpause sowie Überforderung sein.


Lokomotion

Als Gangbild bezeichnet man die Kombination aus den Bewegungen der Beine und der daraus resultierenden Bewegungen des Körpers.

Abhängig von der Art11Ein schnüffelnder Hund bewegt sich anders als ein Hund der neben dem Fahrrad herläuft. der Bewegung verändert sich der Rhythmus und auch die Frequenz der Beinaktion. Hierbei haben die Gangarten unterschiedliche Muster und auch unterschiedliche Bodenkontaktzeiten.

Beim Hund und auch zum Beispiel beim Pferd ist der Gang im Schritt und Trab symmetrisch und beim Galopp asymmetrisch.

Symmetrisch, bedeutet, dass die Gliedmaßen der einen Körperseite sowohl im zeitlichen Rhythmus als auch in der Bewegung dasselbe tun wie die Gliedmaßen der anderen Körperseite, allerdings zeitlich versetzt.

Asymmetrisch, bedeutet, dass die Gliedmaßenpaare hintereinander aufsetzen, also entweder beide Hinterbeine oder beide Vorderbeine.

Eine Abweichungen davon ist der Passgang. Dabei bewegt der Hund im Schritt und/oder im Trab die Beine der linken oder rechten Seite gleichzeitig – es entsteht ein wackelnder-schaukelnder Gang.

Der Passgang ist beim Windhund selten und daher häufig ein Anzeichen für eine Erkrankung des Bewegungsapparates. Allerdings kann es sein, dass wenn Windhunde in einem gedrosselten Tempo, zum Beispiel an der Leine, gehen müssen, es vorkommt das sie Pass gehen, das kann daran liegen, dass das langsame Gehen für sie einfach nicht „stimmig“ ist, in diesem Fall würde ich nicht von einer Störung im Bewegungsapparat ausgehen. Beim nächsten Besuch beim Therapeuten (Tierarzt, Osteopath, Physiotherapeut) kann man es ansprechen und abklären.

Der Galopp des Windhundes

Galopp ist der Überbegriff für verschiedene Galopparten. Es gibt den langsamen Galopp (Kanter) und zwei schnelle Galopparten, den diagonalen und den zyklischen (rotierenden) Galopp. Bei den letzteren Galopparten tritt mindestens eine Flugphase auf, bei einer höheren Geschwindigkeit folgt eine zweite Flugphase. Beim langsamen Galopp gibt es gar keine Flugphase.

Sind zwei Flugphasen vorhanden spricht man vom Renngalopp.

Im langsamen Galopp wechselt Einbeinstütz mit einem Dreibeinstütz ohne Flugphase.

Im diagonalen Galopp folgt auf das zweitfußende Hinterbein das diagonale Vorderbein – bei höhere Geschwindigkeit mit einer Flugphase.

Im zyklischen (rotiernde) Galopp folgt auf das zweitfußende Hinterbein das erstfußende Vorderbein der gleichen Seite.

Im Renngalopp sehen wir zwei Stützphasen und zwei Flugphasen.

  • Die Stützphase – ist der Zeitraum, in dem die Pfoten nacheinander den Boden berühren.
  • Die Flugphase – ist der Zeitraum, in dem alle Pfoten in der Luft sind.

Ob der Hund im Galopp mit oder gegen den Uhrzeiger-Sinn um seine Hüfte rotiert gibt uns Aufschluss über das Laufverhalten, die Laufrichtung und ist abhängig davon, ob er ein Rechts- oder Links-Pfoter ist. (HINT: Kapitel 5 „Keine Angst vor Kurven“)

In einer Studie 12Dr Luke Schneider et al, University of Adelaide wurde die Rechts oder Links Präferenz für eine Pfote bei Hunden untersucht und Schneider und sein Team kamen zu dem Ergebnis, dass Hunde ebenfalls eine Pfote präferieren. Allerdings konzentrierte sich die Studie hauptsächlich auf die Beobachtung der Vorderpfoten, zusätzlich wurde jedoch notiert, dass die Hunde auch bei den hinteren Pfoten eine Vorliebe für eine bestimmte Seite zeigten und eine Seite in der Regel führt, wenn der Hund galoppiert*.

*Einen Hinweis auf die Art des Galopps gab es leider dazu nicht.

Bewegungsablauf im Galopp bei jeweiliger Präferenz für die rechte oder linke Seite

Der Rechts-Pfoter dreht sich im zyklischen Galopp mit dem Oberkörper gegen den Uhrzeigersinn um die Hüfte und der Links-Pfoters dreht den Oberkörper im Uhrzeigersinn um die Hüfte.

Der Rechts-Pfoter dreht sich mit dem Oberkörper gegen den Uhrzeigersinn um die Hüfte, in dieser Reihenfolge: (vordere Stützphase 1) rechtes Vorderbein – linkes Vorderbein (Flugphase 1 zusammengezogen) – linkes Hinterbein – rechtes Hinterbein (hintere Stützphase 2) – (Flugphase 2 gestreckt) und kommt anschließend wieder in die (vordere Stützphase) mit dem rechten Vorderbein usw.

Lokomotion - rechtes Vorderbein - Stützbein

Vordere Stützphase (1): rechtes Vorderbein

gefolgt vom linken Vorderbein, das gegen den Uhrzeigersinn rotiert und auch navigiert.

Heller Windhund – Rechts-Pfoter

Lokomotion - Flugphase 1

Flugphase (1)

Heller Windhund – ohne Bodenkontakt

Lokomotion - linkes Hinterbein - Stützbein

Hintere Stützphase (2): linkes Hinterbein

gefolgt vom rechten Hinterbein, letzte Möglichkeit vor der Flugphase für den Hund zu navigieren.

Heller Windhund

Lokomotion - Flugphase 2

Flugphase 2

Heller Windhund ohne Bodenkontakt

Pfotenfolge bei Präferenz des linken Vorder- und des rechten Hinterbeins.

Pfotenfolge auf dem Boden: (vordere Stützphase 1) linkes Vorderbein – rechtes Vorderbein (Flugphase 1 zusammengezogen) – rechtes Hinterbein – linkes Hinterbein (hintere Stützphase 2) – (Flugphase 2 gestreckt) und kommt anschließend wieder in die (vordere Stützphase) mit dem linken Vorderbein usw. … diese Schrittfolge ist die eines Links-Pfoters, der sich im zyklischen Galopp mit dem Oberkörper im Uhrzeigersinn um die Hüfte dreht.

In dem Video könnt Ihr Galopp-Wechsel beobachten, und zum Beispiel bei dem hellen Hund (Anfang des Videos) eine deutliche Präferenz für das rechte Vorderbein und das linke Hinterbein im diagonalen Galopp erkennen. Der dunkle Windhund wechselt des öfteren die Galoppart, durch Beobachtung kannst Du Dein Auge für die Bewegungsabläufe schulen.

In einigen Einstellungen sind im Video, auch bei den anderen Windhunden, die Rotationsbewegungen und Lenkung über die Vorderbeine und Schultern gut zu erkennen.

Das Video ist geeignet zur Bewegungsanalyse, Beurteilung von Bewegungsabläufen im Galopp. Es sind Galopp-Wechsel zu beobachten, sowie bestimmte Präferenzen der Stützbeine.

Stützphasen beim Kurvenlaufen

Beim Kurvenlaufen spielt die Wendefähigkeit eine große Rolle, denn sie ist entscheidend für den Jagderfolg.

Leider ist über die Biomechanik des Kurvenlaufens bei hohen Geschwindigkeiten noch viel zu wenig bekannt.

In einer Ministudie, die die Gangeigenschaften in hoher Geschwindigkeit mit vier Geparden und vier Windhunden untersuchte hat man auf einer Strecke von 400m zwei Kurven mit einem Radius von 38m* gegen den Uhrzeigersinn abgesteckt.13Hrioshi Ichikawa, Taiki Matsuo, Megumi Haiya, Yasuo Higurashi, Naomi Wada; Gait Characteristics of Cheetahs and Greyhounds Running on curves, Published in Mammal Study 2018

*Auf den Rennbahnen in Deutschland beträgt ist der Radius der Kurven 43m und mehr.

Auch wenn die Studie nicht mit einer sehr großen Anzahl an Probanden glänzen konnte, so sind die Ergebnisse sicherlich für uns Windhund Besitzer interessant und regen zu weiterer Beobachtung an.

Beim Geradeauslaufen blieb bei den Geparden und auch den Windhunden die Schrittfolge variabel.

Beim Kurvenlaufen (Linkskurve) ist die Schrittfolge festgelegt, wenn auch mit unterschiedlichem Bodenkontakt:

Rechtes Vorderbein

Linkes Vorderbein

Flugphase

Linkes Hinterbein

Rechtes Hinterbein

Flugphase

Das Tastverhältnis (Duty Factor) erhöhte sich in den Kurven bei drei Beinen bei den Windhunden, jedoch nur für das innere Hinterbein bei den Geparden.

Dies würde bedeuten, dass alle Windhunde in der Kurve die Schrittreihenfolge entweder nach der Geraden wechseln oder beibehalten.

Das Tastverhältnis wird definiert als „der Bruchteil der Dauer eines Schrittes, für den jeder Fuß auf dem Boden bleibt“.14R. Alexander. Energetics and Optimization of Human Walk-ing and Running: The 2000 Raymond Pearl Memorial Lec-ture. American Journal of Human Biology, 14, 2002.

Weitere Studien im Renngalopp sind sicherlich noch angebracht, um das Auge für das Laufverhalten noch besser zu schulen.

Dieses Thema werde ich sicherlich noch weiter verfolgen. Da ich mir nicht vorstellen kann, dass bei all den Studien die bisher zur Ursachenforschung der Verletzungen bei Rennhunden gemacht wurden, dieser festgelegten Schrittreihenfolge in der Kurve keine Beachtung geschenkt wurde.

Dies kann zum einen daran liegen, dass tatsächlich alle Windhunde auf der Rennbahn die oben beschriebene Schrittfolge benutzen und daher kein Augenmerk auf die Schrittreihenfolge vor der Kurve gelegt wurde. Oder die Anzahl der Probanden dieser Studie einfach zu klein war, um dies für alle Windhunde zu bestätigen.

Sofern es Windhunde gibt die in der Kurve tatsächlich eine andere Schrittfolge benutzen, kann dies vielleicht auf eine Störung in der Biomechanik hinweisen.


Der Start beim Sprint

Beim dem direkten schnellen Start, wie z.B. aus der Startbox oder aus dem Stand kommt es zu keinem der typischen Muster in der Beinfolge der oben beschriebenen Galopparten. Die Vorderbeine bewegen sich zwar wie im Galopp, allerdings fussen die Hinterbeine gleichzeitig auf und machen die Startbeschleunigung aus. Das gleicht dem Gangartmuster kleinerer Tiere und wird „half-bound“ genannt. 15(Fischer et al 2002)

Das gleichzeitige Abdrücken beschleunigt nicht nur, sondern hebt auch den Körperschwerpunkt an.

Damit ein Windhund schnell startet, muss er lernen wie er zum Beispiel aus der Box tief startet und seine anatomischen Vorteile, ca. 30° stärker gebeugte Gelenkwinkel des Sprunggelenks 16Williams et al 2009, optimal nutzt. Details zum Start findest Du in Kapitel 5.

Belastungen und Funktion in den jeweiligen Stütz- und Flugphasen

In der vorderen Stützphase 1 wird die erste Pfote mit dem 2.25 fachen des Körpergewichts belastet. (HINT: Kapitel 2 – Gesundheit – Stoßdämpfer Pfote) Die zweite Pfote die den Boden berührt wird zum Lenken benutzt und „dreht“ in der Rotation weg vom anderen Vorderbein.

Die Rotation ist Abhängig vom Präferenz-Stützbein und der Galoppart und rotiert demnach mit oder gegen den Uhrzeigersinn. Wenn wir der oben erwähnten Ministudie in ihrer Aussage folgen, dann würde das bedeuten, dass jeder Windhund in die Linkskurven mit immer der gleichen festgelegte Schrittreihenfolge geht.

Navigation, das Lenken bei diesem Greyhound passiert mit der rechten Vorderpfote, sichtbar an den nach innen gerichteten Zehen kurz vor der vorderen Stützphase.

Die Navigation, das Lenken passiert über die rechte Vorderpfote, erkennbar an den nach innen gerichteten Zehen kurz vor dem Auffussen in die vordere Stützphase 1.

In der 1. Flugphase ist der Windhund zusammengezogen und keine Pfote hat Bodenkontakt.

Die Betrachtung der Hinterhand und Pfoten bei diesem Bild lässt vermuten, dass die hintere Stützphase 2 mit dem rechten Hinterbein beginnen wird. Es folgt das linke Hinterbein, bei dessen Aufsetzen letztmalig eine Richtungsanpassung möglich ist. Diese Navigation hat der Hund bereits vorgenommen, wenn man auf die Drehung von Sprunggelenk und Zehen schaut.

Das Aufsetzen der Hinterbeine ist die hintere Stützphase 2. Die Struktur der Hinterbeine mit den Sprungelenken und die darüber liegende Lendenmuskulatur übernehmen die abfedernde Wirkung wenn der Hund aus der Flugphase 1 kommt und geben gleichzeitig den Schub nach vorne. Hierbei ist Richtungsänderung mit dem Aufsetzen der 2. Hinterpfote noch möglich. Die abfedernde Wirkung und der Schub aus der Hinterhand nimmt mit zunehmender Ermüdung ab.

Flugphase 2 keine der Pfoten hat Bodenkontakt, der Windhund ist dabei im Rennsport maximal gestreckt.

Flugphase 2 keine der Pfoten hat Bodenkontakt, der Windhund ist dabei im Rennsport maximal gestreckt.

Krafteinwirkungen

Um sich fort zu bewegen muss der Hund Kräfte auf den Boden aufbringen, um den Körper zu tragen und vorwärts zu treiben. Hierbei wird bei der Kraftmessung unterschieden in Bodenkräfte (vom Hund ausgehend) und Bodenreaktionskräfte (vom Boden reflektierend).

Die Bodenkontaktzeit, nimmt dann ab, wenn sich die Geschwindigkeit erhöht, dadurch nimmt die Kraft die auf jedes Glied der Pfote einwirkt zu. Um sich schneller zu bewegen, müssen die Hunde ihre Gliedmaßen schneller bewegen, was die Stützzeit der Gliedmaßen verkürzt und somit die Stärke der Kraft erhöht, die gegen den Boden erzeugt werden muss.

Bodenreaktionskräfte

Im Galopp gibt es Unterschiede in der Bodenreaktionskraft des erst- und zweitfußenden Beins. An den Vordergliedmaßen konnte beobachtet werden, dass das erstfußende Bein größere Beschleunigungskräfte entwickelt und das zweitfußende Bein die größeren Bremskräfte hat. 17(Bryant et al 1987) In der Praxis im Galopp sieht dass dann so aus, dass die Beschleunigungskräfte des erstfußenden Vorderbeins um 20 % höher sind, beim zweitfußenden heben sich bremsende und beschleunigende Kräfte auf.

Das Laufen in der Kurve erhöht das effektive Körpergewicht des Windhundes, da auf die Körpermasse, die Schwerkraft zusammen mit der Zentripetal-Beschleunigung wirkt.

Usherwood und Wilson (2005) errechneten, dass Windhunde, die in eine Kurve rennen, aufgrund der hohen Zentripetal-Beschleunigung eine Zunahme ihres effektiven Gewichts von ca. 71,0% verzeichnen.

In der Kurve verlieren die Hunde dabei aber keine Geschwindigkeit, da die hohen Fliehkräfte durch die passive Drehung der Speiche gegen die Elle aufgefangen werden. 18 (Fischer et al 2011 – Hunde in Bewegung Seite 57) (HINT: Kapitel 5: Keine Angst vor den Kurven)

Passive Drehung der Speiche gegen die Elle beim Windhund

Die passive Drehung der Speiche gegen die Elle, gut zu sehen beim Windhund mit dem roten Maulkorb.

Der Windhund mit den rosa Bandagen befindet sich gerade in der vorderen Stützphase 1 mit dem linken Vorderbein. Laut der Ministudie würde die bedeuten, dass er in der Kurve die Beinfolge verändert und zuerst mit dem rechten Vorderbein in die Kurve geht.

Beim Windhund-Rennsport wird der Start, das Geradeaus rennen, das Kurven laufen und das Bremsen durch ganz unterschiedliche Körperbewegungen gesteuert.

Die Wechselwirkung der Pfote zur Beschaffenheit der Oberfläche auf der Rennbahn oder dem Coursing-Feld spielen eine Rolle, wenn es um die Dämpfung von Aufprallkräfte auf den Hundekörper geht.

Die Oberflächenbeschaffenheit der Rennbahn sorgt zusätzlich noch für den entsprechenden Grip der Pfoten, minimiert Verletzungen, verzögert die Ermüdung der Muskulatur und optimiert dadurch die Rennleistung.

Aber vielleicht sollten wir uns im Hobby-Sport nicht darauf Konzentrieren, dass die Rennzeiten schneller werden, sondern viel mehr darauf, dass unsere Windhunde möglichst ohne Verletzungen und Stress am Windhund-Rennsport teilnehmen.


Gefahreneinschätzung

Der Windhund-Rennsport ist von Haus aus einfach gefährlich, nicht nur im Profi-Rennsport, sondern auch im Hobby-Sport, aber nicht mehr wie jede andere rasante Hundesportart auch. Die hohen Geschwindigkeiten und die Bedingungen (Rennbahn oder Coursing-Feld) lassen vermuten, dass Verletzungen im Windhund-Rennsport unvermeidlich sind.

Es passieren allerdings auf den Rennbahnen und im Coursing weitaus weniger Verletzungen als im Freizeit- oder dem häuslichen Umfeld.

Verletzungen im Windhund-Rennsport entstehen auf zwei Arten, die sich durch äussere (1), d.h. nicht oder wenig beeinflussbare Bedingungen ergeben und die, die von uns Menschen (2) beeinflusst werden können:

1. durch Unfall, dies kann zum Beispiel ein Zusammenstoß mit einem anderem Hund, dem Mitläufer sein oder durch Stolpern / Sturz ohne Fremdeinwirkung, schlechte Wetterbedingungen, Qualität des Hasenzugs, Rennbahn-Beschaffenheit etc.

2. durch Genetik und / oder die unzureichende Vorbereitung des Windhundes auf die bevorstehenden Belastungen auf physiologischer und psychologischer Ebene, sowie Fehler in der Ernährung und im Handling.

Auch wenn Du Deinen Windhund bestmöglich vorbereitest und trainierst, so ist und bleibt der Rennsport immer risikoreich. Je besser Du jedoch Deinen Windhund vorbereitest, desto weniger Überlastungs- oder auch ernsthafte Unfallverletzungen wird es geben.

„Der sicherste Ort für ein Schiff ist der Hafen. Doch dafür sind Schiffe nicht gemacht!“

Albert Einstein

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