Tierschutz beginnt nicht dort, wo Menschen laut betroffen sind.
Tierschutz beginnt dort, wo jemand bereit ist, die unbequemen Details zu lesen.
Ich arbeite seit vielen Jahren mit Windhunden und ihren Menschen. Gerade bei Galgos und Podencos reicht Mitleid nicht aus. Wer diesen Hunden wirklich helfen will, muss ihre Herkunft, ihre jagdliche Genetik, ihre Wahrnehmung und ihre besonderen Bedürfnisse verstehen.
Denn ob es richtig oder falsch ist, die Antwort gibt Dir immer Dein Hund.
Und genau dort wird es bei Galgos und Podencos schwierig.
Denn auf den ersten Blick klingt vieles nach Fortschritt.
Tiere sollen als fühlende Wesen anerkannt werden.
Hunde und Katzen sollen verpflichtend gekennzeichnet werden.
Der Handel mit Tieren soll besser reguliert werden.
Das klingt gut.
Das klingt richtig.
Das klingt nach Bewegung in die richtige Richtung.
Aber Tierschutz entscheidet sich nicht an der Überschrift.
Er entscheidet sich an den Ausnahmen.
Wenn Schutz dort endet, wo es unbequem wird
Spanien hat 2023 sein erstes nationales Tierschutzgesetz verabschiedet.
Ein Gesetz, das zunächst nach einem wichtigen Schritt klang.
Bis man genauer hinschaut.
Denn ausgerechnet Jagdhunde wurden ausgenommen.
Also genau die Hunde, die in Spanien seit Jahren besonders betroffen sind:
Galgos, Podencos und andere für die Jagd genutzte Hunde – und genau hier zeigt sich,
warum Windhunde anders sind und das Konsequenzen hat.
Hunde, die nach der Jagdsaison ausgesetzt werden.
Hunde, die verletzt zurückbleiben.
Hunde, die verschwinden, wenn sie nicht mehr nützlich sind.
Hunde, über die gerne gesprochen wird – aber oft erst dann, wenn das Elend schon passiert ist.
Und genau deshalb reicht mir Empörung nicht.
Empörung ist schnell.
Empörung ist laut.
Empörung bekommt Reichweite.
Aber sie ersetzt keine Einordnung.
Wie gefährlich Ausnahmen werden können
In Madrid liegt ein Gesetzentwurf auf dem Tisch, der deutlich macht, wie schnell aus einer Ausnahme ein System werden kann.
Es geht nicht nur um einzelne Jagdtage.
Es geht nicht nur um einzelne Tierarten.
Es geht nicht nur um Tradition.
Es geht um die politische Frage, wem Schutz zugestanden wird – und wem nicht.
Wenn Jagd ganzjährig möglich werden soll.
Wenn jagdbare Arten erweitert werden.
Wenn öffentliche Wege und Flussläufe an Jagdtagen eingeschränkt werden können.
Wenn Rehalas mit sehr vielen Hunden weiterhin außerhalb des eigentlichen Tierschutzrahmens stehen.
Dann geht es nicht mehr nur um Jagd.
Dann geht es darum, dass Tiere je nach Nutzung unterschiedlich bewertet werden.
Der Hund auf dem Sofa ist fühlendes Wesen.
Der Hund im Jagdsystem ist Arbeitsmittel.
Der Windhund nach der Saison ist plötzlich Problem, Kostenfaktor oder Altlast.
Und genau dort beginnt der Widerspruch.
Galgos und Podencos stehen mitten in diesem Widerspruch
Galgos und Podencos sind keine Randnotiz im spanischen Tierschutzproblem.
Sie stehen mitten darin.
Nicht, weil sie „arme Auslandshunde“ sind.
Nicht, weil sie sich besonders gut für emotionale Bilder eignen.
Nicht, weil man mit ihnen Betroffenheit erzeugen kann.
Sondern weil sie zeigen, was passiert, wenn ein Tier nicht mehr als Individuum gesehen wird, sondern über seine Funktion definiert wird.
Schnell.
Brauchbar.
Jagdlich geeignet.
Oder eben nicht mehr nützlich.
Das ist der Punkt, an dem ich beim Thema Tierschutz skeptisch werde.
Nicht, weil mir das Schicksal dieser Hunde egal wäre.
Im Gegenteil.
Sondern weil ich lange genug erlebt habe, dass Empörung oft dort endet, wo echtes Hinschauen beginnen müsste.
Empörung hilft nicht, wenn sie die Wahrheit überdeckt
Ich habe selbst jahrelang Tierschutz gemacht.
Und irgendwann wird man vorsichtig.
Nicht kälter.
Nicht gleichgültiger.
Nur genauer.
Denn Tierschutz kann helfen.
Tierschutz kann retten.
Tierschutz kann Türen öffnen.
Aber Tierschutz kann auch zur Bühne werden.
Für Empörung.
Für Spendenlogik.
Für schnelle Urteile.
Für Geschichten, die einfacher erzählt werden, als sie wirklich sind.
Gerade bei Galgos und Podencos reicht es nicht, nur auf das Leid zu zeigen.
Man muss auch fragen:
Warum werden sie gesetzlich anders behandelt?
Warum werden Jagdhunde aus Schutzgesetzen herausgenommen?
Warum wird ein Hund als fühlendes Wesen anerkannt – aber nicht, wenn er im Jagdkontext genutzt wird?
Warum bleibt das System so stabil, obwohl alle das Elend kennen?
Das sind die unbequemen Fragen.
Jagdliche Praktiken werden kulturell aufgewertet
Ein weiterer Punkt macht die Debatte noch schwieriger:
In Spanien wird Jagd nicht nur als Nutzung verstanden, sondern teilweise auch kulturell aufgewertet.
Das bedeutet nicht, dass „die spanische Jagd“ pauschal UNESCO-Weltkulturerbe wäre.
Aber einzelne Jagdformen und jagdliche Praktiken werden auf internationaler oder regionaler Ebene als kulturelles Erbe gerahmt.
Die UNESCO beschreibt Falknerei als Training und Fliegenlassen von Greifvögeln zur Jagd.
Bei der Falknerei geht es um Greifvögel: Falken, Adler, Habichte usw. Hunde sind dort nicht der Kern der Anerkennung.
Bei Montería/Rehala sieht es anders aus.
Sobald Rehalas als Kulturerbe gerahmt werden, werden nicht nur Traditionen geschützt – sondern auch ein System, in dem Hunde funktional eingeordnet werden.
Rehala und Montería gehören stärker in den Bereich der Meute- und Treibjagd, besonders im Großwildkontext: Wildschwein, Hirsch, Damwild, Mufflon usw.
Dort laufen viele Hunde in Gruppen. Podencos können Teil davon sein; Galgos stehen hier nicht im Zentrum, auch wenn in schlechten Haltungsstrukturen natürlich verschiedene Jagdhunde zusammen auftauchen können.
Galgos stehen vor allem für die Hasenjagd (Spanisch: caza de la liebre con galgo) im offenen Gelände – das sogenannte Galgueo.
Podencos werden besonders bei der Kaninchenjagd (Spanisch: caza del conejo con podenco) eingesetzt, arbeiten aber je nach Region auch in größeren Jagdzusammenhängen bis hin zur Rehala.
Die Jagd mit Galgos ist offenbar nicht automatisch in derselben starken Kulturerbe-Logik geschützt wie Rehala/Montería.
Aber: Sie ist trotzdem kulturell gerahmt und regional verwurzelt.
In Andalusien gibt es sogar einen technischen Bericht zur „Caza de liebres con galgos en Andalucía“ für die Aufnahme in den Atlas des immateriellen Kulturerbes Andalusiens. Das ist nicht dasselbe wie UNESCO-Weltkulturerbe, aber es zeigt:
Auch das Galgueo wird kulturell aufgewertet.
Beides sind unterschiedliche jagdliche Praktiken – aber der Mechanismus ist derselbe:
Der Hund wird über seine Funktion bewertet und nicht zuerst als Individuum gesehen,
sondern als Teil einer jagdlichen Praxis.
Aber einzelne Jagdformen – wie die Falknerei – sind international als immaterielles Kulturerbe anerkannt. Und auf regionaler Ebene werden auch Jagdpraktiken wie Montería, Rehala oder die Jagd mit lebendem Lockvogel kulturell aufgewertet.
Genau dort wird es kritisch:
Sobald Jagd als Kulturerbe gerahmt wird, verschiebt sich die Debatte.
Dann geht es nicht mehr nur um Tiere, sondern um Tradition, Identität und politischen Schutzraum.
Gerettet ist nicht automatisch verstanden
Für mich endet das Thema nicht in Spanien.
Denn viele Galgos und Podencos kommen irgendwann hier an.
Dann sind sie nicht mehr Teil eines Jagdsystems.
Aber sie bringen ihre Geschichte, ihre Genetik, ihre Reaktionsmuster und ihre ganze Wahrnehmung mit.
Und auch hier beginnt wieder eine neue Form von Missverständnis.
Dann heißt es schnell:
Der arme Hund braucht nur Liebe.
Er muss endlich frei rennen.
Er soll jetzt einfach ankommen.
Mit Geduld wird das schon.
Manchmal stimmt davon etwas.
Oft reicht es aber nicht.
Denn ein Galgo oder Podenco ist nicht gerettet, nur weil er angekommen ist.
Er braucht nicht nur ein neues Zuhause.
Er braucht Menschen, die verstehen, was sie vor sich haben – und die unterscheiden können, ob ein Verhalten aus
Angst, Furcht oder Unsicherheit entsteht.
Einen
Windhund, den man sehen lernen muss.
Einen Jagdspezialisten.
Ein fühlendes Wesen.
Und ein Individuum, das nicht durch Mitleid geführt werden kann.
Der eigentliche Fortschritt beginnt im Kleingedruckten
Wenn Europa Tiere stärker schützen will, ist das wichtig.
Aber Fortschritt zeigt sich nicht nur daran, was in großen Worten beschlossen wird.
Fortschritt zeigt sich daran, wer nicht vergessen wird.
Die unbequeme Wahrheit lautet:
Solange Galgos, Podencos und andere Jagdhunde aus Schutzgesetzen herausdefiniert werden, bleibt der Fortschritt unvollständig.
Solange ein Hund je nach Nutzung plötzlich weniger Schutz verdient, ist das kein konsequenter Tierschutz.
Und solange Betroffenheit lauter ist als Genauigkeit, werden wir immer wieder über Symptome sprechen – aber nicht über das System.
Darum beginnt Tierschutz für mich nicht bei Empörung.
Er beginnt beim Lesen der Ausnahmen.
Denn dort steht meistens die Wahrheit.
Windhunde verstehen. Dein Windhund, Deine Verantwortung.
Quellen & weiterführende Informationen:
EU-Parlament: Erste EU-Regeln zum Schutz von Hunden und Katzen
Spanisches Tierschutzgesetz 2023 / BOE
Madrid Sin Caza: Informationen zum geplanten Jagdgesetz in Madrid
Comunidad de Madrid: Proyecto de Ley de Caza y Pesca
UNESCO: Falknerei als immaterielles Kulturerbe
Junta de Andalucía: Montería und Rehala als Kulturerbe