Jagdmotivation designed by genetics
27/09/2019

Fit für Rennbahn & Coursing (6)

Last Updated on 05/04/2020 by Monika

Kapitel 6

06. Die Grundlagen des Jagd-Verhaltens

Das Jagdverhalten beim Hund ist zunächst einmal ein ursprüngliches, bedürfnisorientiertes Verhalten. Es bedient die Selbstverwirklichung und ist zugleich ein aggressives Verhalten, wenn auch nicht gleich zu setzen mit der defensiven Aggression oder der nicht-klassischen aktiven Aggression.

In der Literatur wird davon ausgegangen, dass Jagdverhalten nichts mit Aggression zu tun hat, da es nicht von der gleichen Gehirnregion gesteuert wird.1Forschungen dazu gibt es bisher leider nicht, deshalb sind Aussagen, dass das Jagdverhalten nichts mit Aggression zu tun hat, rein spekulativer Natur. Beim Jagdverhalten kommt es zur Ausschüttung von Adrenalin, das auch dann ausgeschüttet wird, wenn es zu einer „Bedrohung“ kommt und den Körper in Alarmbereitschaft versetzt, damit er in der Folge flüchten oder kämpfen kann (fight or flight). Da weder der Hase noch das Rehwild für den Windhund eine Bedrohung darstellen, sondern sie eher friedlich des Weges gehen 2Der auslösende Reiz durch eine schnelle Flucht der Beute ist nicht allein ausschlaggebend für das Jagdverhalten der Windhunde. Ein schnell fliehendes Beutetier bewirkt eine schnelle Reaktion des Windhundes, er wird aber auch reagieren, wenn sich ein Hase oder Reh langsam bewegen. Erkennen von Beute spielt dabei auch eine Rolle, wie schnell ein Zugriff erfolgt. , ist der Übergriff auf das andere Lebewesen Gewalt. Gewalt kann nur verletzend aber auch tödlich sein. 

Die jagdliche Aggression

Das Wort Aggression hat seinen Ursprung im lateinischen (aggresiõ, aggredi sich zubewegen auf etwas/jemanden, heranschreiten, sich annähern, angreifen).

Aggression ist ein feindseliges Verhalten des Organismus.

Bei Tieren dient die Aggression zur Verteidigung oder Gewinnung von Ressourcen und zur Bewältigung gefährlicher Situationen. 

Das Greifen eines Beutetiers beschreibt die jagtliche Aggression. „Mit Aggression ist jedes Verhalten gemeint, das im wesentlichen das Gegenteil von Passivität und Zurückhaltung darstellt“ 3Bach & Goldberg 1974, S.14, zit. nach Nolting 2000, S. 24.)

Entscheidend ist die Motivation: Phänotyp = Genotyp + Umwelt.

Der Hund ist wie sein Vorfahr – der Wolf – erstmal ein Raubtier. Früher hat man gesagt, der Hund hat einen Beutetrieb, er ist scharf. Heute weiß man, dass es nichts mit Trieb zu tun hat. Über die Jagdmotivation bilden wir Hunde aus oder bringen ihnen etwas bei. Die Jagdmotivation ist die, die alles steuert, die Ball- oder Frisbee-Hunde, unsere Windhunde, Polizei- und Militärhunde, Hütehunde und die Familienhunde.

Durch Selektion, heute Zucht genannt, entwickelten sich die unterschiedlichen Hunderassen. Bei einigen hat man darauf geachtet, dass das Verlangen nach Beute und die körperlichen Fähigkeiten dafür „verschwinden“. Dazu erkläre ich später mehr.

Die Sequenzen der Jagd sind: Orten (sichten-hören-riechen), Fixieren, Heranpirschen, Hetzen, Packen, Töten und Fressen.

Einige dieser Sequenzen sind je nach Rasse und Training stärker ausgebildet, z. B. bei unseren Windhunden das Sichten, Hetzen, Packen, Töten.

Jede Sequenz bedeutet Erfolg und verstärkt sich selbst. Ihr könnt Euch vorstellen, was das bei unseren Sichtjägern bedeutet, da findet im Alltag eine fast grenzenlose Selbstbelohnung statt.

Erfolgreiches Jagen funktioniert nur, wenn der Schlüsselreiz (Auslöser) gegeben ist. Ihr habt das sicherlich schon erlebt, so lange sich das Wild nicht bewegt, startet der Windhund nicht durch. Oder bleibt die vermeintliche „Beute“ stehen und „flieht“ nicht, erstarrt, dann geht es in der Abfolge (packen – festhalten etc.) nicht weiter.

Die oftmals zitierte „Spielaufforderung“ (Vorderkörper-Tiefstellung), die dann gegenüber der „Beute“ gezeigt wird, hat nichts mit einer Aufforderung zum Spiel zu tun. Sie beschreibt eher einen ambivalenten Zustand, dass der Hund sozusagen in der weiteren Ausführung seines „Vorhabens“ durch die Unterbrechung gehemmt ist. Hunde, die in der Folge der Unterbrechung anfangen, den anderen Hund durch Bellen oder durch wiederholtes Anstossen mehr oder weniger aufzufordern weiter zu „fliehen“, tun das nicht aus der romantischen Vorstellung heraus, dass sie spielen wollen.

Die Jagdmotivation ist ein Verhalten ohne Emotion

Der Hund ist beim Jagen sehr erregt, allerdings hat er dabei keine Emotionen für sein Opfer, bedeutet: es tut ihm nicht leid, wenn der Hase tot ist. Es hat Spaß gemacht, dieser Spaß ist aber nicht an eine Emotion gebunden, sondern steigert das Verlangen nach mehr. Jedoch nur so lange es dem Hund Spaß macht und das entscheidet einzig und allein der Hund.

Es gibt Windhunde, die von heute auf morgen keinen Spaß mehr am Rennen (Rennbahn/Coursing) oder auch am Jagen/Hetzen haben.

Das entscheiden sie einfach so, und nichts in der Welt kann diesen Hund dazu bewegen jemals wieder zu „jagen“. Der Spaß an der „Sache“ ist die Motivation für die Ausführung.

Die Verstärkung ist nicht von aussen beeinflußbar. Das bedeutet, der Hund verstärkt und belohnt sich selbst – beginnend beim Sichtreiz = Auslösung von Spaß / Glück / sich gut fühlen durch die Ausschüttung von Hormonen.

Dies zu wissen, ist beim Training von Hunden für die Rennbahn oder das Coursing extrem wichtig, d. h. wir können die Windhunde trainieren, so lange wir den Spaß und das Verlangen fördern und erhalten. Ein winziger Erfolg reicht dabei für den Hund bereits aus, um es unbedingt wieder tun zu wollen. 

Das Verlangen ist bei unseren Windhunden genetisch bedingt, d. h. es braucht in der Regel nur 1 oder 2 Wiederholungen / Erfolge und die Jagdmotivation ist voll da.

Der Erfolg bestätigt und verstärkt.

Das veranlasst die Hunde, es immer wieder tun zu wollen und fördert den Enthusiasmus. Das Verlangen ist die Motivation, der Motor, der Antrieb. Dies ist kein Freibrief oder die Erlaubnis dafür, die Hunde auf der Rennbahn durchdrehen zulassen. Was bedeutet, dass sie sich bevor sie überhaupt an den Start gehen – auf physischer und psychischer Ebene – bereits total verausgeben.

Der Halter hat die Verantwortung, den Hund dabei zu unterstützen, damit er mit der Situation angemessen umgehen kann. Der Hund weiß nicht, dass es sich „nur“ um ein „Hobby“ handelt.

Dem Besitzer muss bewusst werden, dass Rennbahn und Coursing zielgerichtete Arbeit und Beschäftigung ist.


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Der Windhund ist erregt, fokussiert und enthusiastisch. Drei Faktoren, die wir im Training nie aus dem Auge verlieren dürfen. Ganz besonders sind allerdings die Augen des Windhundes.

Sehvermögen

Bei Windhunden sind die Rezeptoren der Netzhaut anders aufgebaut als bei anderen Hunden. Dies ermöglicht es ihnen, Bewegungen auch in weiteren Distanzen wahrzunehmen.

Das enorme Sehvermögen wird durch den langen, schmalen Schädel begünstigt. Ausserdem sind die Augen seitlich am Schädel platziert, ähnlich wie zum Beispiel auch bei Pflanzenfressern, diese seitliche Platzierung bedingt ein besseres und größerer Sichtfeld.

Was das Sehvermögen des Windhunds so besonders macht, ist ein Bereich in der Netzhaut, der als visueller Streifen bezeichnet wird und horizontal auf Ganglienzellen ausgerichtet ist. Dieser Bereich beinhaltet zum Beispiel auch den schärfsten Fokus. Beim Menschen ist dieser Bereich kreisförmig, bei Beutetieren ist es ein länglicher Bereich.

Beutetiere, meist Pflanzenfresser, erkennen die geringsten Bewegungen in ihrer peripheren Sicht und haben dabei fast einen vollständigen Panoramablick auf den Boden. Dies wird als Pflanzenfresser-Sichtfeld bezeichnet und ist der Schlüssel zum Überleben, da sie auf der Flucht die sich annähernden Raubtiere auch erkennen können, wenn diese aus verschiedenen Richtungen kommen und zusätzlich sehen, wohin sich die Angreifer bewegen.

Das Sichtfeld des Menschen hat etwa 180 °.

Das Sichtfeld des Hundes liegt im Durchschnitt bei ca. 240 °.

Das Sichtfeld der Windhunde beginnt bei 270° .

So könnte man fast behaupten, dass sich Windhunde mit einem für Pflanzenfresser typischen Sichtfeld entwickelt haben und deswegen eine spezialisiertere Sicht auf die Beute haben als andere Hund. Was Windhunde zu Sichtjägern macht. 4Dermal and Ocular Toxicology; Fundamentals & Methods; Hobson CRC Press; Seite 480.

Während der Jagd in hoher Geschwindigkeit behalten Windhunde aufgrund ihrer peripheren Sicht die Bewegungen der Beute im Auge und sind dabei noch in der Lage sich durch unebenes Gelände zu navigieren und Hindernisse zu erkennen. Der „Panoramablick“ ermöglicht es ihnen weitläufige Landschaften zu scannen, bzw. mit den Augen abzusuchen und geringste Bewegungen potentieller Beute wahrzunehmen.

Je länger die Nase und je schmaler der Kopf eines Hundes ist, desto besser ist sein Sichtfeld.

Der Körperbau der Windhunde macht sie zu effektiven und schnellen Jägern und unterstreicht die These, dass die Windhunde durch Selektion und Zucht zum Jagdpartner des Menschen wurden. Denn ausser dem besonderen Sichtfeld und dem auf hohe Geschwindigkeiten ausgelegten Körperbau, sind Windhunde sehr hartnäckige Verfolger und in der Lage während der Hetzjagd selbstständig zu denken.

Im nächsten Abschnitt daher ein kleiner Abstecher in die Jagdtechnologie der Prähistorie.

Der Jagdhund, Jagdtechnologie aus der Prähistorie

Die Jagdpartnerschaft zwischen Hunden und Menschen ist in der Literatur seid langem ausführlich belegt. So wird auch vermutet, dass die Domestizierung von Hunden 5Clutton-Brock (1995, 1999) nur das Ergebnis der Beziehung zwischen Wölfen und Menschen sein kann. Die ähnliche Sozialstruktur und der gleiche „Geschmack“ in Bezug auf die Beute, führte zu einem natürlichen Bündnis zwischen Wolf und Mensch und daraus entwickelte sich ein effizientes Jagdteam.

Interessant in der Entwicklung ist der nüchterne Blick auf die „Verwendung von Hunden als Jagdwaffen“, zum Beispiel als ein innovativer Schritt der menschlichen Wahrnehmung. D. h. Aufgaben, die zuvor nur von Menschen „ausgeführt“ wurden, konnten dadurch auf Tiere übertragen werden, z.B. das Hüten der Herde. Dies war nicht nur innovativ, sondern der Anfang einer dynamischen Beziehung zwischen Mensch und Hund. Sicherlich stand die Nutzung des Tieres dabei im Vordergrund, allein dadurch, dass der Mensch die natürlichen Eigenschaften von Hunden und auch anderen Tieren als „Technologie“ nutzte.

Dieser Prozess brauchte in der Entwicklung und Entstehung nicht nur viel Zeit, sondern eine gute Beobachtungsgabe und Analyse, die die Selektion in Bezug auf die angeborenen Jagdtendenzen der „neu“ domestizierten Hunde beinhaltete. Diese „neuen“ Hunde reagierten mit Anpassung durch Orientierung am Menschen 6(Udell) 2015) dieser Prozess ist die Entstehungsgeschichte von äusserst erfolgreichen und kooperativen Jagdstrategien zwischen Mensch und Hund.

Die übermenschlichen Fähigkeiten der Hunde, erhöhten damit auf ganz einfache und natürliche Weise das Wirksamkeitspotential beim Jagen.

Die feineren Sinne und die physiologischen Möglichkeiten der Hunde wurden so zum wirksamen Ausgleich der biologischen Defizite des Menschen auch in anderen Bereichen, zum Beispiel durch den Einsatz von Hunden als Wach- und Schutzhunde.

„Hirsch“ George Stubbs (1724 – 1806)

Hunde, deren Jagdpotenzial auf Beute gerichtet ist, die Sprinter sind und dadurch schnell ermüden, 7(Liebenberg 2006) sind sicherlich die Windhunde. Die nicht nur nützlich sind um schnelle Beute wie Gazellen bis zur Erschöpfung zu jagen8 (Guagnin et al. 2018), sondern sie haben sich auch effektiv bei der Jagd auf gefährliche Beute wie Bären oder Eber gezeigt. Ausserdem bleiben die Windhunde aufgrund ihrer Geschwindigkeit an den Beutetieren dran, die dazu neigen sich zu verstecken oder abzuducken, mit dem Ziel zu entkommen, was zum Beispiel bei einigen Hirscharten der Fall ist.

Gemälde zeigen Windhunde bei der Hirsch-, Wildschwein oder auch Bärenjagd. Ein sicherlich bekannter Jäger war General Custer (USA), der mit seinen Scottish Deerhounds auf die Grizzley Bärenjagd ging.

Die Bärenjagd mit Windhunden.

„Bärenjagd“ von Frans Snyders

Die kooperative Jagdstrategie ist die Grundlage auf der das Training für Rennbahn und Coursing aufgebaut ist.

Um die Jagdmotivation besser zu verstehen, mache ich mit Euch als nächstes einen kleinen Abstecher ins Gehirn und wie wir es für das Training nutzen können.

Der Thalamus ist das Tor zum Bewusstsein

Der Antrieb zum Jagen kommt bei unseren Hunden aus den „alten Bereichen“ im Gehirn, dem Thalamus. Alle Reize treffen zunächst auf den Thalamus (Riechen, Sehen, Hören). Der Thalamus entscheidet, welche Information durchgelassen und „verarbeitet“ wird. Der Thalamus entscheidet ganz einfach gesehen nach Bedürfnisserelevanz.

Der Trainingsansatz erfolgt unter Berücksichtigung der Fähigkeiten des Thalamus, denn dieser entscheidet, was gerade auf die Gesamtsituation gesehen wichtig ist (Schlafen – Futtersuche – Paarung – Jagen) und leitet dies an das Großhirn weiter. Der Thalamus blendet dabei alles aus, was nicht wichtig ist: Mensch, Bäume, Hindernisse etc. 

Das Großhirn ist für die rationale Steuerung verantwortlich, d. h. hier werden die Informationen und Erfahrungen, z.B. aus dem Training, abgelegt.

Arbeiten der Thalamus und das Großhirn gut zusammen, wird das Training effizient.

Da der Thalamus auch für die Bewegungsreizanalyse (Auto – Fahrrad – Wild – Flatterband) zuständig ist, können wir im Bereich der Möglichkeiten des Trainings und der Konditionierung die genetisch festgelegten Auslösereize durch Lernen verändern und steuern, indem wir das Großhirn mit „Wissen“ bestücken.

Das sieht dann ungefähr und vereinfacht so aus:

Reiz ->an-> Auge ->an-> Netzhaut ->an-> Thalamus ->an-> primäre und sekundäre Sehrindenareale ->an-> WO- & WAS-Bahn der visuellen Wahrnehmung.

Die „Wo“-Bahn übernimmt die Lokalisation von Dingen im Raum und die Bewegungen. Die „Was“-Bahn konzentriert sich auf Informationen wie die Objekterkennung. Das geht natürlich in einer nicht mehr messbaren Geschwindigkeit. (Hint: Das Gehirn | Hint: Raum-Lage-Orientierung, Kapitel 4)

Visuelle Information wird von lichtempfindlichen Rezeptoren im Auge in Nervenimpulse umgewandelt.

Diese werden in das Gehirn weitergeleitet und dort zu Sinnesempfindungen interpretiert.

Die Repräsentation dieser Reize im Gehirn ist sehr effizient und auf die Art der Umgebungsreize optimal abgestimmt.

Die visuelle Verarbeitung dient in erster Linie dazu, unsere Interaktionen mit der Umwelt zu steuern.

Wir können unseren Windhunden – diesen Spezialisten – kaum eine andere Beschäftigung bieten – die den Hunden am Ende des Tages genauso viel Spaß bereitet – wie das Hetzen.

Auch wenn sich Windhunde konditionieren lassen für Fährtenarbeit, Agility, Zughundesport oder andere Dinge aus dem breiten Angebot im Hundesport, werden wir damit nie ihr Herz erreichen. Ihre wirkliche Leidenschaft wecken und genau diesen Glanz in den Augen entdecken, den wir sehen, wenn sie ihrer Genetik folgen dürfen. Alles andere ist Konditionierung ohne Spaßfaktor. Artikel: „Ich habe meine Meinung geändert.“


Die Jagd und das Hetzen ist selbstbelohnend mit großer Suchtgefahr

Bereits der Anblick eines fliehenden „Objektes“ reicht aus, um bei unseren auf Sicht jagenden Hunden ein „Wohlgefühl“ auszulösen. Das bedeutet, der Windhund fühlt sich gut dabei und er wird alles dafür tun, dieses Gefühl wieder zu erleben.

Ihr kennt es, wenn die Hunde bei einem Spaziergang nur in die Ferne schauen und den Horizont absuchen, auf der Suche nach dem Bewegungsreiz. Finden sie den Bewegungsreiz, dann bedeutet dies Erfolg und ist selbstbelohnend. Belohnend deswegen, weil die Anstrengung den Horizont abzusuchen, dann doch irgendwann belohnt wird, nämlich durch den Bewegungsreiz. Wie sich das steigern lässt, brauche ich Euch hier nicht weiter zu erklären.

Übertragbar ist dies auf alle aufgeregten Rennhunde. Die Aufregung entsteht aufgrund der Erwartungshaltung auf das, was kommt. Sie beginnt bei dem ein oder anderen Hund bereits zuhause, bei der Fahrt zur Rennbahn oder beim Ankommen auf der Rennbahn. Bei vielen spätestens dann, wenn sie das Geräusch der Hasenzugmaschine hören.

All dies sind Lernerfahrungen

Sie wissen, dass sie an dem Ort sind und sie den damit verbundenen „Hormon-Cocktail“ der Glücksgefühle schon mal erlebt haben. In dem Moment wo der Hund beginnt sich aufzuregen, beginnt auch die Erwartungshaltung und es stellt sich positiver Stress ein. Aber …

Je länger der Hund in der Erwartungshaltung ist, desto größer der Stress und aus dem entsteht „negativer Stress“. Aus diesen Gründen ist es so wichtig, dass ein Training auf der Rennbahn nur zu Euren Bedingungen statt findet.

Positiver und negativer Stress

Stress dient dazu, den Körper in bestimmten Situationen leistungsfähiger zu machen, Energie- und Kraftreserven zu mobilisieren und den Körper in Alarmbereitschaft zu versetzen.

Wenn unsere Hunde auf der Rennbahn oder dem Coursing-Feld unter starker (positiver) Anspannung stehen, weil die Erwartungshaltung auf die bevorstehende Verfolgungsjagd steigt, dann steht er unter „positivem Stress“, dieser kann vom Organismus gut bewältigt werden. Vorausgesetzt der Hund hat entsprechende Lernerfahrungen (Selbstbeherrschung, Selbstregulierung, Impulskontrolle und Frustrationstoleranz) durch ein Training gemacht. 

Hat der Hund keine Lernerfahrungen, kommt es zu „negativem Stress“. Das Stresssystem wird überfordert und verbraucht Energie, Kraft und Ressourcen, die eigentlich während des Rennens benötigt werden, um den Körper funktionieren zu lassen, sowohl physisch wie psychisch.


Die Neurotransmitter

Ihr solltet wissen, welche Hormone im biochemischen Cocktail wirken und wie sie wirken. Neurotransmitter sind die Botenstoffe, die für die Übertragung von Nervenimpulsen verantwortlich sind. 

Als Nahrungsergänzungsmittel zugeführte Botenstoffe oder Baustoffe überwinden oftmals nicht die Barriere vom Blut zum Gehirn. Das bedeutet, die Gabe von Nahrungsergänzungsmitteln, die darauf abzielen, die Anzahl der Neurotransmitter zu beeinflussen, kommt oftmals nicht dort an, wo wir sie uns wünschen.

Es gibt natürlich Wege und Möglichkeiten, das System zu „überlisten“. Das funktioniert aber nicht zuverlässig, denn die biochemischen Vorgänge sind hoch kompliziert.

Ausserdem hat es die Natur nicht vorgesehen (Schutzmechanismus), dass Stoffe aus dem Blutkreislauf ins Gehirn gelangen.

Deshalb ein kleiner „Ausflug“ in die Wirkungswelt der Biochemie. Viele Nahrungsergänzungsmittel oder auch Futtersorten versprechen oftmals, dass sich durch die Gabe oder durch Aufbereitung (Zusätze) in Futtermitteln bestimmte Verhaltensweisen ändern, und zwar, wenn man auf die Neurotransmitter von außen einwirkt.

Zu den bekanntesten zählen: Dopamin, Serotonin, Adrenalin, Noradrenalin und Cannabinoide/Leptin.

Die Blut-Hirn-Schranke

Am Beispiel von Serotonin möchte ich Euch erklären, ob sich der Serotonin-Spiegel beeinflussen lässt:

Serotonin ist in vielen Nahrungsmitteln enthalten, dies bedeutet aber nicht, dass es deswegen einen Weg ins Gehirn findet. Serotonin wird nämlich aus der Aminosäure Tryptophan erzeugt. Der Tryptophanspiegel kann allerdings über Ernährung beeinflusst werden.

Eine kohlenhydratreiche Ernährung bewirkt eine hohe Tryptophan-Verfügbarkeit.

Doch wieviele Kohlenhydrate muss der Hund zu sich nehmen, um damit den Serotonon-Spiegel zu beeinflussen?

In der Humanmedizin gibt es zahlreiche Medikamente die gezielt die Menge des Serotonis erhöhen sollen. Allerdings zeigen die Behandlungserfahrungen, dass erst nach mehrwöchiger Einnahme und auch nur bei schweren Depressionen ein nachweisbarer Erfolg erzielt wird.

Dopamin

Kann die Blut-Hirn-Schranke nicht passieren.

Die Erwartung des kommenden Glücksgefühl wird stimuliert durch die Ausschüttung von Dopamin (Glückshormon). Dopamin gehört zu den wichtigsten Botenstoffen (Neurotransmittern) im Nervensystem. Es ist dafür zuständig, Impulse zwischen den Nervenzellen weiterzugeben.

Das Dopamin hat wichtige Funktionen: Wenn nur wenig Dopamin frei gesetzt wird, verringert sich die Denkfähigkeit. Ein Mangel an Dopamin bewirkt ein Nachlassen unserer Motivation und Leistung. Es kommt zu Depressionen und Bewegungsstörungen. Im umgekehrten Fall, führt eine über längere Zeit andauernde hohe Konzentration von Dopamin zu Erschöpfung und einer Schädigung der Nervenzellen.

Dopamin hat in Verbindung mit Noradrenalin einen wesentlichen Einfluss auf unser Glücksempfinden. Es gilt als Glückshormon und löst einen Glücksrausch aus. Allein die Erwartung auf etwas Schönes führt zur Ausschüttung von Dopamin und damit zu Glücksgefühlen.

Anders als bisher vermutet, ist für das Hochgefühl (wenn man bekommt, wonach man sich sehnt) nicht das Dopamin verantwortlich. Die körpereigenen Opiate übernehmen diese Rolle.

Dopamin ist der Neurotransmitter der Belohnungserwartung. Das Dopaminsystem generiert ein tiefes Verlangen und wenn man diesem nachgiebt, reagiert das mesocortikolimbische System, das dann aktiv wird, wenn man eine Belohnung erwartet. Hierin findet Ihr das „Zuhause“ der Motiviation. Es hat die Aufgabe bei Tieren und auch Menschen, überlebensdienliche Verhaltensweisen zu verstärken, wie zum Beispiel bei unseren Windhunden die Jagdmotivation.

Erhöht man zum Beispiel durch geeignete Wirkstoffe die verfügbare Dopamin-Menge, so wirkt das zwar erstmal stimulierend gleichzeitig aber auch suchterzeugend, da es das Belohnungssystem abhängig macht.

Störungen im Dopaminspiegel führen zu Krankheiten, dazu zählt u.a. auch ADS und ADHS. Dopamin wird in diesen Fällen nicht richtig verarbeitet und das Gehirn ist nicht mehr in der Lage, eintreffende äussere Reize zu filtern. So können unwichtige Eindrücke nicht aussortiert werden und es kommt zu Konzentrations- und Aufmerksamkeitsstörungen.

Charakteristika Dopamin-Dominanz: Neugierde – Risikobereitschaft – Kreativität – Energie und Ruhelosigkeit – Optimismus – sexuell aktiv – unabhängig und selbstversorgend – impulsiv – Offenheit – sensationssuchend – enthusiastisch.

Serotonin

Kann die Blut-Hirn-Schranke nicht passieren

Das „Immer-Gute-Laune-Hormon“ und Torwächter zur Stimmungslage. Serotonin steuert das allgemeine Wohlbefinden und ist für Stimmungshighlights verantwortlich. Es sorgt für Gelassenheit, innere Ruhe und Zufriedenheit. 

Serotonin dämpft insbesondere Angstgefühle, Aggressivität, Kummer und das Hungergefühl. 

Serotonin wird aus der Aminosäure L-Tryptophan unter Beteiligung von Enzymen aufgebaut.

Neben der „Guten Laune“ beeinflusst Serotonin das Herz-Kreislauf-System, den Magen-Darm-Trakt und das Nervensystem.

Bananen oder Schokolade sorgen nicht für einen Anstieg an Serotonin in unserem Körper. Das gute Gefühl beim oder nach dem Verzehr hat lediglich mit dem Zucker zu tun, der in unserem Darm für einen Ausschüttung von Serotonin sorgt. Serotonin-Booster haben keine Wirkung auf den Serotoninspiegel, dafür sorgt die Blut-Hirn-Schranke.

Charakteristika Serotonin-Dominanz: Ruhe & Gelassenheit – Struktur, Ordnung, Planung – Vorsichtig, aber nicht ängstlich – konform und regelorientiert – selbstkontrolliert – stoisch – faktenorientiert – präzise – loyal – Bedürfnis nach Zugehörigkeit – verlässlich

Adrenalin

Kann die Blut-Hirn-Schranke nicht passieren

Adrenalin ist sicherlich der bekannteste Neurotransmitter wenn es um Stress geht. Adrenalin und Noradrenalin sind Amine. Sie werden in den Zellen des Nebennierenmarks aus Tyrosin gebildet und in Gefahrensituationen, bei Kälte, Hitze, körperlicher Arbeit oder psychischer Belastung in die Blutbahn freigesetzt.  Sie steigern die Aktivität des Herz-Kreislauf-Systems und mobilisieren Energiespeicher und ermöglichen so „Fight or Flight“-Reaktionen. 

Eine langanhaltende Stressbelastung hat zur Folge, dass der Adrenalinspiegel im Körper zu hoch ist, was auch zu einer Hochregulation des Cortisons und später zu einer Erschöpfung des Systems führt. Dadurch werden Gegenreaktionen des Organismus heraufbeschworen, die in eine ganze Reihe von Stresserkrankungen münden können; unter anderem Schmerzerkrankungen, Burn-out, Depression.

Um den Adrenalinspiegel generell zu senken, hilft alles, was den Stresspegel senkt, etwa regelmäßiger Ausdauersport. 9(Stangl, 2018).

Adrenalin wird bei Erregung des Sympathikus freigesetzt und ist in erster Linie ein Stoffwechselhormon, das freie Fettsäuren, Glucose und Laktat bereitstellt. Adrenalin reguliert den Tonus der Gefäßmuskulatur, die Steigerung der Herzfrequenz und -schlagstärke und dient neben Noradrenalin einer verstärkten Durchblutung der Herz- und Skelettmuskulatur sowie als Bereitsteller von Energieträgern in Belastungssituationen. 10(Stangl, 2018).

Noradrenalin

Kann die Blut-Hirn-Schranke nicht passieren

Noradrenalin fördert im Zusammenspiel mit Adrenalin auch die Wachheit und Konzentration, beeinflusst die Motivation und greift in die Appetitregulierung ein.

Bei einem Mangel können Konzentrationsschwierigkeiten auftreten. Auch mit der Entstehung von Depressionen wird Noradrenalin in Verbindung gebracht.

Noradrenalin soll den Körper in Stresssituationen aktivieren, um angemessen reagieren zu können. Noradrenalin ist als Botenstoff fast wichtiger in seiner Funktion als Adrenalin, das in der hormonellen Wirkung ganz wesentlich ist.11 (Stangl, 2018).

Cannabinoide & Leptin

Kann vermutlich die Blut-Hirn-Schranke überwinden* (HINT: CBD)

Die Euphorie wurde lange Zeit auf die im Blut nachweisbare Ausschüttung von Endorphinen zurückgeführt. 2015 gelang es einer Gruppe deutscher Forscher um J. Fuß zu beweisen, dass die Ausschüttung körpereigener Cannabinoide (Endocannabinoide) für das Auftreten des „Runner’s High“ notwendig ist.

Doch wie Forscher jetzt herausgefunden haben, spielt noch ein weiteres Hormon eine wichtige Rolle für das Auftreten des „Runner‘ High“: das Leptin. Es fördert die Lust am Laufen!

Leptin galt bisher vor allem als Regulator des Hungergefühls und Fettstoffwechsels. Das Hormon wird in den Fettzellen des Körpers gebildet und gelangt mit dem Blut bis ins Gehirn. Dort bindet es sich an sogenannte Andockstellen und löst so Reaktionsketten aus, die den Appetit zügeln. Je mehr Fettzellen es im Körper gibt, die Leptin produzieren, desto geringer ist daher das Hungergefühl.

Quelle

Bei Tieren mit wenig Fett, z.B. unsere Windhunde, löst der Mangel an Leptin dagegen ein verstärktes Hungergefühl aus. Diese Rückkopplung sorgt dafür, dass der Fetthaushalt des Körpers stimmt und das Gewicht gehalten wird – theoretisch. Sobald der Organismus übergewichtig wird, reagieren die Andockstellen nicht mehr auf das Leptin. Dies wiederum würde erklären, warum Übergewicht zwangsläufig in den Teufelskreis führt, dass die Lust am Laufen/Bewegung fehlt.

Bei den Menschen ist es zumindest so, dass sie weniger Hunger verspüren, aber einen vermehrten Drang nach körperlicher Bewegung haben. Und auf die Tieren trifft dies ebenfalls zu: Studie zum Runners High im Mäuseversuch.

Auf den ersten Blick klingt es paradox, dass Hunger und wenig Körperfett zu noch mehr Bewegung animiert.

Aus evolutionärer Sicht ist es durchaus logisch: Eine größere Ausdauer beim Laufen erleichtert es Säugetieren, Futter zu finden, selbst wenn dieses dünn gesät ist oder lange verfolgt werden muss. 12Maria Fernandez (Université de Montreal) et al., Cell Metabolism, doi: 10.1016/j.cmet.2015.08.003

Kapitel 9 – Ernährung

  • Kurz vor Schluss noch anrecherchiert: CBD als trojanisches Pferd – aktuelle Studie aus 2019 und dazu eine verständliche Erklärung. Werde das bei Gelegenheit hier noch ergänzen.

Handlungsimpulse

Handlungsimpulse sind hoch automatisiert, ohne bewusste/kognitive Beteiligung, bedeutet ohne eine bewusste Entscheidung. Man nennt es auch „kopflos“, da ein Handlungsimpuls ohne Beteiligung des präfrontalen Kortex (exekutive Funktion = Planung) entsteht.

In Wechselwirkung dazu steht die Handlungssteuerung, die „bewusste“, „rationale“ und/oder unbewusste Entscheidungen, die über den präfrontalen Kortex gesteuert wird.

Die Handlungsimpulse werden ausgelöst durch:

  • Genetik
  • Umwelt / Sozialisation (Erziehung, Lernen etc.)
  • erworbene Störungen (Traumata, Unfälle, Vergiftungen etc.)
  • Persönlichkeit

Den Handlungsimpulsen können wir über die Impulskontrolle entgegenwirken.

Impulskontrolle entsteht durch Reifung (Welpe – Junghund – erwachsener Hund – alter Hund), durch Interaktion mit Umwelterfahrungen (soziale Umwelt, Umweltbegebenheiten) und durch Erziehung (geplante Umwelterfahrung).


Welche Eigenschaften erwarten wir von unserem Jagdhund?

Jagdhund zu sein, bedeutet nicht völlig planlos und ungebremst jedem Wild hinterher zu gehen, dass irgendwo am Horizont auftaucht oder im Gebüsch raschelt.

Windhund zu sein bedeutet nicht, jedem Handlungsimpuls sofort nachzugeben. 

Ein guter Jagdhund bringt Arbeitsfreude, Führigkeit, Ruhe und Gelassenheit, Härte beim Einsatz, Wildschärfe mit Angriffslust und mutigem Verhalten mit. Er hat Kraft und Ausdauer und eine sehr gute Fitness. Er ist schnell, wendig und geschickt. Er kann sich sozial einordnen, ist verträglich mit anderen Hunden und zeichnet sich durch Schussfestigkeit aus.

Ausführlich beschrieben, und abgestimmt auf den Windhund-Rennsport und die jeweiligen Windhundrassen, sind oben genannte Eigenschaften in den Internationalen FCI Richtlinien für Coursing-Richter. (Hint: Kapitel 4)

Was wir sicherlich nicht wollen, ist einen Windhund, der Probleme mit seiner Handlungs- und Impulskontrolle hat. Denn er kann nicht zielgerichtet trainieren, arbeiten und somit auch keine Leistung zeigen.

Wer sich in Sachen Gehorsam auf Kompromisse einlässt, dessen Windhund begleitet den nächsten Hasen bis zum Horizont.

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