Weniger Training. Weniger Beschäftigung. Weniger Programm.
Und vielleicht gerade deshalb mehr Windhund.
„Konstruktive Vernachlässigung“ klingt erst einmal nach einem ziemlich schlechten Konzept.
Ist es aber nicht.
Zumindest dann nicht, wenn ich damit meine, den Windhund endlich einmal von dem ganzen Programm zu befreien, das Menschen inzwischen gerne um ihn herum bauen.
Montag Rückruftraining.
Mittwoch Mantrailing.
Freitag Social Walk.
Samstag Beschäftigung für den Kopf.
Sonntag vielleicht noch Rennbahn oder Coursing.
Und weil das noch nicht reicht, gibt es zwischendurch Impulskontrolle, Frustrationstoleranz, Deckentraining, Ruhetraining, Orientierungstraining und irgendeinen Kurs, der dem Menschen verspricht, dass danach alles ein bisschen besser funktioniert.
Natürlich gerne als 10er-Karte.
Der Windhund bekommt irgendwann einen Stundenplan,
bei dem selbst ich morgens erst einmal einen Kaffee bräuchte.
Aber braucht der Windhund überhaupt ein Trainingsziel?
Ich glaube: meistens nicht.
Er braucht einen Alltag, in dem er sich zurechtfindet.
Er braucht einen Menschen, der hinschaut.
Er braucht Grenzen, Orientierung, Bewegung, Ruhe und Verlässlichkeit.
Aber er braucht nicht automatisch jeden Dienstag um 18 Uhr ein neues pädagogisches Projekt.
Und genau da beginnt für mich die konstruktive Vernachlässigung.
Konstruktiv vernachlässigen heißt nicht, den Windhund sich selbst zu überlassen.
Es heißt, bewusst darauf zu verzichten, ihn ständig beschäftigen, trainieren oder optimieren zu müssen.
Ich lasse also bewusst Dinge weg.
Nicht, weil mir der Windhund egal ist.
Sondern weil ich ihm nicht ständig erklären muss, dass wir jetzt wieder etwas miteinander machen.
Und dann kommt das schlechte Gewissen
Das sitzt bei vielen Haltern erstaunlich zuverlässig mit am Tisch.
„Ich müsste eigentlich mehr mit ihm machen.“
„Wir waren diese Woche gar nicht beim Training.“
„Er hatte heute nur einen normalen Spaziergang.“
„Ich habe gar nichts mit ihm geübt.“
Als wäre ein ruhiger, klarer Alltag irgendwie zu wenig.
Genau dieses schlechte Gewissen macht den Stundenplan oft erst so voll.
Der Mensch glaubt, er müsse ständig etwas bieten, damit der Windhund „ausgelastet“, „gefördert“ oder „beschäftigt“ genug ist.
Und schon wird aus Deinem Windhund ein Freizeitprojekt.
Dabei darf ein Windhund auch einfach einen Tag haben, an dem nichts Spektakuläres passiert.
Wusstest Du, dass Windhund vor allem Ruhe brauchen?
Kein Kurs.
Kein Trainingsziel.
Keine Beschäftigungsstation.
Kein schlechtes Gewissen.
Das muss man als Mensch manchmal erst wieder aushalten lernen.
Beschäftigung kann auch Verhalten produzieren
Windhunde sind ziemlich gut darin herauszufinden, welches Verhalten beim Menschen Wirkung erzeugt.
Schauen.
Fiepen.
Stehenbleiben.
Absichern.
Anstupsen.
Herumlaufen.
Verfolgen.
Etwas einfordern.
Und der Mensch reagiert.
Nicht unbedingt mit Futter.
Manchmal reicht schon ein Blick.
Eine Ansprache.
Aufstehen.
Die Tür öffnen.
Die Richtung wechseln.
Oder die berühmte Frage:
„Was möchtest Du?“
Nun ja.
Vielleicht wollte der Windhund ursprünglich gar nicht besonders viel.
Aber jetzt weiß er immerhin, dass diese kleine Nummer funktioniert.
Und morgen probiert er sie noch einmal.
Und dreimal hintereinander etwas erfolgreich gemacht – das hat Dein Windhund gelernt.
Wenn aus Alltag Dauerprogramm wird
Das Problem ist nicht ein einzelner Kurs.
Das Problem beginnt dort, wo Menschen anfangen, jede Lücke im Alltag mit Training zu füllen.
Weil ein Windhund „ausgelastet“ werden muss.
Weil ein Trainer gesagt hat, dass Nasenarbeit wichtig ist.
Weil auf Social Media jemand erklärt, dass Windhunde dringend Kopfarbeit brauchen.
Und weil irgendein sehr bekannter Hundetrainer gerade wieder ein Konzept entdeckt hat,
das selbstverständlich für Labrador, Schäferhund, Dackel und einen Afghanischen Windhund
gleichermaßen funktionieren soll.
Da bekommt der Windhund dann sein Programm.
Ob es zu ihm passt oder nicht.
Hauptsache Methode.
Hauptsache Kurs.
Hauptsache Auslastung.
Und wenn es anschließend nicht besser, sondern komplizierter wird,
braucht es natürlich den nächsten Kurs.
Praktisch.
Zumindest für jemanden.
Der Windhund muss nicht ständig lernen
Vielleicht wäre es manchmal viel hilfreicher, wenn wir genau damit aufhören würden.
Nicht mit Lernen.
Sondern mit dem ständigen Lehrenwollen.
Ein Windhund lernt sowieso.
Im Alltag.
Bei jeder Begegnung.
Bei jeder Entscheidung des Menschen.
Bei jedem Erfolg.
Bei jedem „Ach, komm schon“.
Und auch bei jedem Moment, in dem der Mensch etwas einfach einmal stehen lässt.
Genau deshalb bedeutet konstruktive Vernachlässigung für mich:
Den Stundenplan entzerren.
Nicht jede Idee verfolgen.
Nicht jedes Verhalten beantworten.
Nicht jedes Problem in eine Trainingsaufgabe verwandeln.
Und vor allem nicht glauben, dass ein Windhund nur dann gut begleitet wird,
wenn ständig irgendetwas mit ihm gemacht wird.
Manchmal ist weniger tatsächlich mehr
Ein Windhund darf auch einfach mitlaufen.
Beobachten.
Schlafen.
Schnüffeln.
Warten, und sich „langweilen“ … auch wenn die Langeweile wieder so ein menschlicher Begriff ist.
Mitbekommen, dass nicht jede seiner Ideen automatisch zum gemeinsamen Tagesordnungspunkt wird.
Das ist keine Vernachlässigung.
Das ist Alltag.
Und vielleicht beginnt genau dort etwas, das im modernen Hundetraining gelegentlich ein bisschen verloren geht:
Der Windhund muss nicht ständig beschäftigt werden.
Der Mensch muss lernen, ihn sinnvoll zu führen.
Und ebenso wichtig:
Der Mensch darf aufhören, sich schlecht zu fühlen, nur weil heute nichts „trainiert“ wurde.
Mehr Gedanken dazu findest Du auf meinem YouTube-Kanal „Wenn Hundetraining auf Windhund trifft“.
Dort geht es nicht darum, noch eine Methode auf den Windhund zu setzen.
Sondern darum, genauer hinzuschauen, was beim Windhund überhaupt Sinn ergibt –
und was man guten Gewissens wieder aus seinem Stundenplan streichen darf.
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Hintergründe und Gedanken rund um Windhund, Alltag und Führung.
Manchmal muss man eben nicht noch mehr Glitzer streuen.
Manchmal reicht es völlig, den vorhandenen erst einmal vom Stundenplan zu fegen.



